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Emanuel Geibels

Geſammelle Werke.

In acht Bänden.

Dritter Band.

Wene Gedichte, — Gedichte und Gedenkblätter,

Hfuffgarf. Berlag der J. ©. Cotta’shen Buchhandlung. 1883.

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Inbhablt.

Neue Gedichte.

Vermiſchte Gedichte. Erſtes Buch.

Genejung . ’ Mythus vom Dampf . Herbſtnacht Der Aether Fauſts Im Frühling Lieder zu Volksweiſen 1. Der Landsknecht 2. Betrogen 3. Lieb’ und Leid Abſchied Unterwegs . er Aus Griechenland . \ i Nitornelle von den orlerhtfchent Inſeln — ee Tr ei a Schwerer Abjihied . LER er 2 Lied (nad) Byron) . Nach Sonnenraſt Elyſium Waldgeſpräch. Vom Beten O du, vor dem die Slürme — — Wandrers Rachtlied Sonett . |

14—

3h-

Hiſtoriſche Studien Mein Friedensihluß .

Lieder aus alter und neuer Zeit.

Durch die wolfige Maiennacht

O gedentit du der Stunt’ .

Ihr Rebengärten an den Klüften

Nun fommt die Nacht am Himmelszelt Das ift das alte Giebelhau:

O wüßt' ich’3 nur zu jagen

Ich Lieg’ im tiefen Schachte i Menn du jemals in ein leuchtend Auge . Menn es rothe Roſen jchneit . i Am Herbite, warn die Trauben glühn

O wie flo mir beglüdt der Tag

Das iſt der Liebe eigen . 4

Fern in leifen dumpfen Schlägen ; Nun winkt's und flüftert’3 aus den Bären Mein Rod geht langjam durch die Nacht. 63 jtand in meinem Hage . . . ; Ad, das iſt der Schmerz der Einen € Dur Reif und Froſt $ Auch der Schmerz iſt Gottes Bote E

Nun will der Oſt fich lichten . : Wohl flog mit rothen Wimpeln einft . Seiner Tage dunkles Ringen .

Nun ſich Laub und Anospe dehnen . Ueber der dunfeln Haide

Lilie du im Rojengarten ;

Laß dich nicht gereun der Shrären‘,

O laßt mir meine ſtille Weije

Sieh das ilt es, was auf Erden .

Durh Erd’ und Himmel leije .

Nach des Siechthums langer Plage.

Sprüche. 1—48

Vermifchte Gedichte, Zweites Bud). Die Erbe —— Herakles auf dem Deta .

Sch fuhr von St. Goar N

Kein Hauch von Flur und Wald

Aus dem Schenkenbuch 1—17.

Frühlingsmpthus . ul

Höchttes Leben .

Die Braut

Auf dem See

Romanze.

Mädchenlied.

Gudruns Klage

Volkers Nachtgeſang.

Abſchied von Lindau.

Indiſche Weisheit.

Blauer Himmel

Wort und Schrift Ä

Die Sehnjucht des Meltweifen : Der Tod des Tiberius .

Der Bildhauer des Hadrian .

Sonett des Dante ;

Balmjonntagmorgen .

Zwei Palmen .

Gejang des Prieſters

Ada. Tagebuchblätter

Gedichte und Gedenkblätter.

Lieder aus alter und neuer Zeit.

Du willſt in meiner Seele leſen Die Möve flog zu Neſt. ? Menn über’3 Schneefeld mit Gebranje Wie jäufelt über Thal und Hügel Sn diejen Frühlingstagen

Der ich alter Zeit Gejchichten

Im Mind verhallt Trompetenton . Auf den grünen Auen .

Nun ſchwindet allgemach im Blatı . leder den jtillen Seen . x O Sommerfrühe blau und hold

Seite 76 NE 719-353 — 84 84 85 86 86 — 87 87 89 91 93 95 95 96 — 103 105 105 106 108

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Nordojtwind hatten wit . » 2... 0... Ginitmal® hab’ ich ein Lied gewußt . . . . Auf glatten Fluten ſchwamm der Abendjtern . Die Naht ift Har, die Nacht ift fühl . . Minne hält, das wilde Kind. . 2... O wo ift, wo iſt das Glüd zu Haufe Die Freuden, die rofigen Tänzerinnen

Ach, wer hat es nicht erfahren . Daß holde Jugend nur zur Liebe tompe- Ach, wohl war dir hienieden.. : Oftmals, wenn ich ganz allein . Will das raſche Blut dir ftoden Am zerfallnen Burggemäuerr . . . Das iſt's, was ſüßen Troſt mir —— Der als Morgenſtern am Himmel. Meil ich ohne Groll und Klage. Wie manchen Blick du frei und freier

Vermiſchte Gedichte, Erjtes Bud.

Schön Ellen.

Omar .

König Nomans Zins

Don y8ſ8ſ8ſ Ra an Bilfioret . 1223.01, NE Bothiell . 2

Märchen .

Rheinfahrt 1. —* i

Liebesleben .

Theodor Körner

Idyll

Vorüber .

Giſella. re

Tempora mutantur . . ....

Weihnacht :

Ihr Eugen Jungfrau n

Erinnerungen aus Griechenland.

Zu dem jchönen Griehenvole . -. . .. . In dieſen Säulengängen . . . . .*®. Wo des Delwalds Schatten Härmmern

— VI —

Seite geilen Schritts durchwallt der a 175 Hoch mit Orangen beladen 176 Sm Schatten der Platane. u REEL NEE BES. BIerD. ih. Dich, DETRENEN + „u 1.2.0. 0. 0 de) ET Wie webt jo jtil der Sonnenjchein 178 O fieh, wie hinterm Waldgebirge . SUR Wenn auf jonnverbrannten Matten . . ... 2 .......180 Zwei Schweitern jah ich heut —— gr a A IB Diefer Gartenjaal . . A RE ERSTE Weil man in der ftegenfint . Nds 6 a Mac FERN LEN ats tanplangen regen. N. 666 Be SMONBESUNtergange. 2. 2.8.0 ee 2er 185 Br Rephime:s Icyimphengrofte .. 2... 6 Bat: nr ch, Jalt erkuroken. yo. 2 N Be Baluien übern ABcotinen. . >... 2, +1... 2 en Die Nacht war träumerifh, wir zogen .............. 188 ne Re DURUE Te

Sprüde. a a RE > PLANE Sy Pe A Be 12 Zwölf Jugendlieder, Wie mir Blut und Athem ſtockte 20s Sm Walde Iodt der wilde Tauber . -»- » : 2... 204 D iprich, was willjt du dich Ihämen. . . 2 2.2... 204 Erin deine Sreilen oo. 2 en 208 Wir jagen im offenen Gartenjaal . - 66 Ber BEIEHHEL DAB DAUE 6666 EEE ER ER BAUIAP 6666666 Eur BEE DW DIEDer 6 SE TEE entbyt. uoat Beibe’ 2. "1:2 m Er ante bexeitt,'o-Tadıt, und Kühle :. 0 2.2.20 Sure, were Die, Sehnpieut mie... . 2... 2027885210 Ta Ti blatt und blamer immer 1111 Vermiſchte Gedichte. Zweites Bud).

Eee 3 Be 2

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Mädchenlieder 1. und 2.

Mittwenleid {

Scheidlieder 1. und 0.

Sintram 1—3.

Traumleben

Lied

Eheſpruch

Neformation . —

Geſchichte und ohennent

Sonett :

In ein Album Schulgeſchichten

Eutin .

Grite Begegnung .

Die Lachswehr.

Ein Traum . ;

Am 26. Auguft 1859

Um Mitternacht

Mittagszauber .

Am Diterjamitag .

Hene Gedichke.

Geibel, Geſ. Werte It.

Vermiſchte Gedichte, Erſtes Bud).

Cübeck und Carolath.

Geneſung.

Has dumpfer Schwüle Was mir jo frisch

Mit unfichtbarem Fittich Die Stirne rührt,

Bilt du's endlich Himmelstochter Geneſung?

Leiſe ſinkt's wie Gewölk Zerrinnender Nebel Mir von den Sinnen! Klarer, tiefer

Dünkt mir der Himmel, Der Quellen Wogen Rührt wie ferne Muſik Mein erwachend Ohr, Und von den Wipfeln Der ſchwarzen Tannen Auf mich hernieder Dämmern Gedanken.

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Ach, nob kann ich dich nicht Fallen, o Mufe,

Noch verfagit du

Dem irrenden Finger

Dein Saitenfpiel;

Aber ſchon ſpür' ich

An ahnender Seele

Dein tröftlih Naben,

Im Windesodem

Flattert dein Hauch ſchon, Und jeh’ ich fern durch die Stänme Auf Waldeswiefen

Des Sonnenftrahls Bewegtes Spielen,

So ift mir's oft,

Es fei das Wallen

Deines weißen Gemwandes,

Aythus vom Dampf.

63 ruht auf klarem Berlenthrone

Die Meerfey im Kryſtallpalaſt,

Der Feuergeift mit güldner Krone Durchſchweift die Lüfte fonder Raſt; Sie meiden ſich mit finfterm Grollen, Sie jtören, was des andern ift;

So lang des Eroballs Achſen rollen, Währt unverföhnt ihr grimmer Zmilt.

Da fängt in erzgetriebnen Schranfen

Der Menſch, der Schöpfung Herr, die zwei, Daß dienjtbar feines Haupts Gedanken

Ihr ungeftümes Walten fei.

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Er bändigt ihren Grimm gelaſſen,

Er gibt dem dumpfen Trieb das Ziel; In's Brautbett zwingt er die ſich haſſen Zu unerhörtem Minneſpiel.

Und ſieh, aus ihrem dunkeln Bunde,

Aus Lieb' und Abſcheu, Brunſt und Kampf Erwächst in mitternächt'ger Stunde

Das ſtarke Rieſenkind, der Dampf.

Mit wildem Toſen, hochgeſtaltig

Entſpringt er aus der Wiege Haft,

Durch all ſein Weſen gährt gewaltig

Des Vaters Zorn, der Mutter Kraft.

Er fühlt's in ſeinen Adern ſieden,

Ihm dünkt kein Werk zu ſchwer, zu groß, Doch ach, es ward ihm nicht beſchieden Ein Feld des Ruhms, ein Heldenloos. Nicht darf er in die Wolken greifen, Nicht ſpielen mit des Blitzes Loh'n,

In Lüften nicht die Welt durchſchweifen, Ein freigeborner Königsſohn.

Nein, wo der Menſch von Eiſenſchienen Sein unabſehbar Netz geſpannt,

Da muß in hartem Frohn er dienen, Ein Herkules im Knechtsgewand,

Da muß er mit des Windes Flügel Wettlaufen in erglühter Haſt

Und über Haide, Strom und Hügel Dahinziehn die gethürmte Laſt.

Des Mühlrads ungeheure Speichen Muß er im Schwunge raſtlos drehn, An's Schiff geſchmiedet muß er keichen Als Ruderknecht bei Sturmeswehn,

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Gr muß den Riefenhammer führen

Zu ewig wiederholtem Schlag,

Des Webſtuhls Spulen faufend rübren; Ein neues Werk bringt jeder Tag.

Seit Jahren trägt er's, doch im Stillen Gedenkt er jeines Stammes noch,

Und feindlih allem Menfchenwillen, Ingrimmig knirſcht er in jein Joch.

D wenn von feiner Kraft getrieben

Ihr Nachts durchflogt ein weit Gebiet, * Vernahmt ihr bei der Funken Stieben, Vernahmt ihr nie ſein dräuend Lied?

„Frohlocket nur, ihr Herrn der Erde! Ihr Staubgebilde bläht euch nur, *

Daß ihr uns herzwangt zur Beſchwerde,

Die alten Götter der Natur! Ein ſchnöder Raub iſt eure Krone,

Ein Hochverrath iſt euer Ruhm;

Denn uns verſtießet ihr vom Throne

Und theiltet unſer Fürſtenthum.

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„Wohl dienen wir euch nun als Knechte,

Und dulden eurer Geißel Schlag;

Doch murren wir im Schooß der Nächte,

Und harten auf der Sühnung Tag.

63 bleibt des Glüdes Sonnenwende

Für fein Gefchleht won Herrſchern aus; — Auch euer Reich hat einſt ein Ende! * Auch euer Bau zerfällt in Graus!

„Wenn ihr dereinſt in Eiſenbande A Des legten Eilands Wildniß ſchlugt, Wenn prunfend ihr dur alle Lande | Die Fadel ſtolzer Weisheit trugt,

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Wenn dann von euren Königjelleln Ihr greifet nach des Himmels Schein: Dann Springen jählings unfre Feilen, Dann bricht der Tag des Zorns herein,

„Dann wird Des Vaters Krone bligen, Und jeder Blitz iſt Meltenbrand;

Dann wird bis zu der Berge Spigen Die Mutter ziehn ihr Schaumgewand; Dann will ich jelbit auf freier Schwinge Durch's Al, Zerftörung braufend, wehn, Und überm Trümmerfturz der Dinge Aufjauchzen, und in's Nichts vergehn.”

Herbſtnacht.

Ich ſchreit' hinan die Waldesbahn

In Finſterniß und Schweigen,

Da kommt ein Sauſen dumpf heran,

Da rührt ſich's in den Zweigen.

Der Geiſt der Nacht iſt aufgewacht,

Er ſingt in dunklen Zungen;

Hei, wie ſo wild das braust und ſchwillt Von Berg zu Berg geſchwungen!

Dahin, daher, wie Wogen im Meer,

Wiegen die Wipfel und ſchwanken,

Schon rieſelt das Laub herab in den Staub, Schon brechen Aeſt' und Ranken;

Der Eiche Firſt erſeufzt und birſt,

Die Fichte kracht vom Hange,

Der Waldbach ziſcht, verkehrt in Giſcht,

Wie eine bäumende Schlange.

Im Buſch verirrt die Eule ſchwirrt,

Die Augen roth ihr funkeln,

Der Damhirſch ſetzt vom Sturm gehetzt Quer über den Steig im Dunkeln.

Das kreiſcht und ruft aus Fels und Kluft! Das iſt ein Flattern und Raſen! Dazwiſchen ſchallt aus hoher Luft

Des wilden Jägers Blaſen.

Laß ſchallen ſein Horn, laß ſieden den Born! Laß Buſch und Wipfel brauſen!

Laß krachen die Tann' in des Windes Zorn! Mir ſoll darob nicht grauſen.

Ich weiß einen Bann, der zwingen kann Den Nachtgeiſt, wie er wüte:

Von dir ein Lied, Geliebte, zieht

Mir wonnig durch's Gemüte.

Beim Lampenſchein jetzt harrſt du mein Im warmem Erkerſaale,

Aus rankendem Grün rings Blumen glühn, Von Düften qualmt die Schale;

Du horchſt empor mit leiſem Ohr:

„So war's der Nachtſturm wieder?“ Entfeſſelt rollt der Locken Gold

Dir über die Stirn hernieder.

Gott grüß' dich Kind! Ich ſchreite geſchwind Wie der Pilger zum tröſtenden Bilde.

Deine Hand ſo weiß, wie wird ſie mit Fleiß Das Haar mir ſchlichten, das wilde!

Wie wird dein Mund bis zum Herzensgrund Mit Küſſen den Froſt mir zerthauen!

O ſelige Raſt! — Drum weiter in Haſt

Durch die Nacht, durch den Sturm, durch das Grauen!

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Der Uether.

Hoher Aether, hoher Aether, Geſtern ſonnig, heut mit janften Schatten meine Schläfe fühlen,

D wie preif’ ih deine Wunder! Wie ein Vater ruhig beiter

Trägſt am Bufen du den Erdfreis, Und er lächelt dir und läßt dich Seines Weſens Duft und Blüte, Seine ganze Schönheit jaugen; Denn die hohen Berge athmen

Zu dir auf, die Wälder ftreun bir Rauſchend ihren beiten Weihrauch, Thal und Fluß und Quelle dampfen Dir ihr täglid Morgenopfer,

Und die Menſchen — gleih als zög' cs Ewig fie zu deiner Stille — Senden dir zu jeder Stunde Ihrer Bruſt lebend’gen Odem, Ihre Lieder, ihre Seufzer.

Und du nimmſt die reichen Gaben Willig hin und ſammelſt alle; Aber nicht für dich — In Wolken Deine Stirn verhüllend wandelſt Du den Schatz in lautern Segen, Und in lichten Feuerflammen

Und in Tropfen und in Güſſen Gibſt du wonniglich befruchtend Ihn der durſt'gen Erde wieder.

Hoher Aether, hoher Aether,

Wie der Geiſt des Dichters biſt du, Der, auf Flügeln über'm bunten Farbenſpiel des Lebens ſchwebend,

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Seine Schönbeit jelig einjaugt.

Und dann wogt's in ihm, dann wölft ſich's Wunderbar, er kann die Fülle

Seiner Schäge nimmer halten,

Und wie du in Blitz und Regen

Steigt er nieder im Geſang.

Fauſts Iugendagefang.

Durch Klippen, die im Frühroth baden, Durch Schwarzer Thäler Einjamteit Hinzieh' ih auf entlegnen Pfaden,

Und Geijter nur find mein Geleit. Mein Herz, das im Gewühl verdortte, Hier fühlt ſich's heimathlih erwacht, Die Wildniß lehrt mich ernſte Worte Und Räthſel deutet mir die Nacht.

Und du, o Sturm, wenn laut im Grimme Dein Toſen durch die Klüfte bricht,

Mir iſt's wie eines Bruder Stimme,

Die Muth und Kraft in's Herz mir jprict; Ihr Wogen, die zuthal ihr braufet,

Ihr Fichten an des Sturzes Rand,

Ich weiß es was ihr ſchäumt und jaufet, Denn ib, auch ich bin euch verwandt.

Tränkſt vu nit mih auch, Mutter Erde, Mit deiner Milh aus heil’ger Bruft? Grziehit du, daß gejtählt ich werde,

Mich nicht duch Kampf zu jeder Lujt? Neigſt du den Blick, den ftrahlend hellen, Nicht, Vater Aether, zu mir her,

Und zeigjt mir meine Spielgefellen | In Berg und Luft, in Wald und Meer?

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Den Geier ſeh' ih einfam ſchweben,

Und mein Gedanke holt ihn ein,

Der Wolfe Dunstbild jeh’ ich weben,

Und ihr verhaltner Groll ift mein.

Und wenn erlöst dann in den Schlünden Der Donner fpringt von Hang zu Hang, Dann jauchzt's in meiner Seele Gründen, Und meine Bruft wird voll Gefang.

D Blitzeslodern, Felfenkühle,

D Sturm und Waldnacht nehmt mich bin, Und wie ich ganz mich euer fühle,

Gebt Liebesantwort meinem Sinn!

In euern Füllen untergehen

Laßt dieſes Herzens Einzeljchlag,

Bis ich von eures Odems Wehen

Mein eigen Lied nicht fcheiden mag!

Im Frühling.

Wie geht nun, da fih brach der Stürme Wüten, Durch's Frühlingsthal ein wundervolles Weben! Es weiß in jugendlichem Freudebeben

Kein Wefen mehr fein Innerſtes zu hüten,

Des Baumes Seele dringt hervor in Blüten,

Die Blume läßt den Geiſt als Duft entfchweben, Zum Liede wird des Vogels tiefites Leben

Und licht in Flammen ſchmilzt der Wolfe Brüten.

Mir ift es oft in diefen lichten Tagen, Als ränge die Natur in heil’gem Triebe Ein göttlihes Geheimniß uns zu jagen:

—

—— 85; 4

Ein Wort, das darum nur gejtammelt bliebe, Werl wir ihr jelber nicht entgegentragen | Ein reingeltimmtes Herz voll Glanz und Liebe, |

Fieder zu Dolksweifen.

1: Der Landsknecht. |

Gin Landsknecht bin ich worden

In des Feldhauptmanns Heer,

Dem frommen Landsfnechtsorden, Dem fing’ ih Preis und Ehr.

Wer fährt jo gut mit frifchem Muth In diefen böfen Zeiten,

AS wie der Kriegsmann thut!

Die Fahne joll mid führen,

Die Fahne, meine Braut.

Wenn fih die Trommeln rühren, Wie ruft fie da jo laut!

Kein beßre Luft, als feft im Sturm Für fie den Feind erjchlagen,

Und jtehen als ein Thurm.

Ich hab’ nicht viel zu jparen

Als wie ein reiher Gaud;

Wohin wir mögen fahren,

Da nehm’ ih, was ih braud.

He Bäuerlein, Bäuerlein, ſchürz' dih nun! Den Krug thu’ aus dem Keller,

Thu’ an den Spieß das Huhn!

- Mu ur u

es gg

Drei Würfel und ein Starten

Die find in jedem Schanf;

Es fommt, mir aufzumarten,

Ein Dirnlein ſchlank und blant.

Mein Feinslieb das heißt Braun und Blond, Schneeweiß und Roth-wie-Roſen,

Ein andres jeden Mond.

Und reißen mir die Kleider,

Das Schafft mir wenig Harm;

Mir maht der Wein, der Schneider, Einen Naufchemantel warm;

Der dedt mich zu vor aller Plag Im Graben und auf der Schanzen Bis an den jungen Tag.

Und fommt eine Kugel balde

Und nimmt mir fort ein Bein:

Es wächst viel Holz im Walde,

Ich darf nicht traurig fein.

Gi, was mid Strümpf’ und Schuh gefoit, Nun mag ich's baß vertrinfen;

Das iſt ein tapfrer Troſt.

Und werd' ich gar erſchlagen,

Erſchlagen auf breiter Haid:

Vier Spieße müſſen mich tragen,

Ein Grab ſteht gleich bereit.

So ſchlägt man mir den Pummerlein pum, Der iſt mir neunmal lieber,

Als aller Pfaffen Gebrumm.

Wer hat dieß Lied geſungen

Zu Pfeif' und Trommelſchlag? Einem Landsknecht iſt's gelungen, Da er zu Augsburg lag.

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Im arünen Baum da fehrt’ er ein, Und küßt' ein fehwarzbraun Mädel Und trank einen fühlen Wein.

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Betrogen.

Auf Flügeln jaust der Wind daher,

Es rinnen und rauſchen die Quellen.

Du baft mich geliebt, doch du liebſt mich nicht mehr, Und äugelit nah andern Gefellen.

Was foll mir dein ſchwankender wanfender Sinn? Fabrbin, Fahrhin,

Fahrhin mit den Winden und Wellen !

Ad, was iſt jo flatternd als Weibertrei !

Du kannſt fie nicht halten noch binden.

Ad, was ilt jo bitter als Liebesveu,

Wenn die goldenen Schlöffer verſchwinden! Wohl winkt ih und rief ich vergebens zurüd, Mein Glück, mein Glüd,

Das treibt mit den Wellen und Winden.

3 Lieb' und Leid.

Wie flüchtig rinnt die Stunde, Da in verfhrwiegner Gut Sid neiget Mund zu Munde Und Herz am Herzen ruht!

— —

Der Mond hört auf zu feheinen, Kühl gebt des Morgens Hauch — Kurz Lachen, langes Weinen, Das it der Liebe Braud.

Und doc, wiewohl fie Leiden Allzeit zum Lohne giebt,

Nie mag von Liebe ſcheiden Mer einmal recht geliebt.

Gr trägt die heißen Schmerzen Viel lieber in der Bruft,

AS daß er nie im Herzen Von ſolchem Glüd gewußt.

Abſchied.

Leb wohl, leb wohl mein Kind, und keine Klage! Noch einen Kuß, noch eine Neige Wein!

So licht und freundlich waren dieſe Tage,

Laß freundlich auch den Abſchied ſein.

Sieh, wenn hinab zu ſüdlich fernen Borden Im langen Wanderzug der Kranich ſchwirrt, Begleitet ihn ein Traum vom grünen Norden, Er ſpürt es, daß er wiederkehren wird.

So wird auch uns von unſerm kurzen Glücke Ein Schimmer fort und fort im Herzen ſtehn, Und treu Gedenken ſei die goldne Brücke Vom Scheidegruß zum Wiederſehn.

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Anterwegs.

Nun zieb’ ich bin, du liebes Kind,

Friſch wor mir fährt der Morgenwind, Und rübrt mit fanftem Schauder leis Die Wipfel die vom Frührotb glühen. — Ach jeit ich Dich mein eigen weiß,

Nie reich dünkt mir die Welt zu blühen !

Altüberall, im Schmelz der Auen,

Im zarten Lichtgewölf, im Wald,

Slaub’ ih dich, Lieblihe Geitalt,

Gleich wie duch Nebel noch zu jehauen. Die Sonne hebt aus dunfelm Bad)

Dein lähelnd Auge mir entgegen;

Es täuſcht der Glieder anmutbvoll Bewegen Der Schattentanz des Laubes nad.

Und wenn urplöglih dann im Wind

Das holde Gaufelipiel zerrinnt,

Dann jchließ’ ich raſtend wohl die Nugenlieder ; Und Sieb, ein neues Wunder thut ſich fund: Ich find’ in meines Herzens Grund

Dih Harer nur und ſchöner nur dich wieder,

Aus Griedenland.

Ich ſaß im Abendichein

Auf Naros Traubenflippe ; Der Krug mit dunklem Wein Erfriſchte meine Lippe.

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Da ſah ich, wie im Thal Mit Frucht und Silberblüten Die Gärten jonder Zahl Im Sonnenduft verglühten ;

Ich ſah am Fels empor

Hoch über luft'gen Stiegen, Reblaub um Säul’ und Thor, Die ſchmucken Häufer liegen;

Ach ſah der Heerde Zug,

Den Hirten mit dem Stabe, Die Jungfrau ſchöpft' im Krug Am Bach die frifche Labe.

Und ferne bligt’ im Ring Das Meer vergoldet wieder, Denn hinter Paros ging Die Sonne langjam nieder.

Da kam's mir in’s Gemüt: Hier unter diefem blauen Gezelt, wo's ewig blüht,

Wie gut wär's Hütten bauen!

63 würde dir der Baum, 63 würden Feld und Reben Dir mühlos wie im Traum Des Lebens Nothdurft geben.

Gin Weib von dieſes Lands

Gottähnlihem Geſchlechte,

Sie flöchte Liebesglanz

In deine Tag’ und Nächte. Geibel, Gej. Werke. II.

Nicht in gelabrten Wut, In Nebel nicht begraben, Genößeſt du mit Luft

Der großen Mutter Gaben.

Du ſähſt im Sonnenschein Ihr formenbildend Walten, Und dürfteſt weiſe fein

Und heiter wie die Alten.

So träumt ih vor mich bin In ſelig Schaun verfunfen, 65 war mein ganzer Sinn

Dom Glanz des Südens trunfen,

Doch froh gedacht’ ich's kaum, Da ſprach das Herz mit Beben: Das iſt ein ſchöner Traum, Doch iſt's ein Traumbild eben.

Wie ſollte dir, o Thor, Erblühen Raſt und Friede, Wo nimmermehr ein Ohr Aufhorchte deinem Liede!

Bei Palm' und Rebgewind Bald würde dich's verlangen Zum Wald, wo du als Kind Vertieft dahingegangen.

Von deinem Volke los

Und ſeinem Kampf und Trachten Müßt' aller Füll' im Schooß Dein einſam Herz verſchmachten.

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Und ob ein griechiſch Weib, Schön wie die Morgenröthe, Dir freudig Seel’ und Leib Zum Eigenthbume böte:

63 fönnt’ ihr fremder Braud, Ihr ſüdlich Thun und Denken Dir nie den Veilchenhauch

Der deutſchen Minne jchenken.

Drum auf, genieße frei

Den Glanz, der dich ummebet! Nur wie die Biene jet,

Die leiht im Sammeln jchwebet.

Sm Oelwald Attika’s

Am Strand Homers erringe Der Schönheit ew’ges Maß, Daß e3 dein Lied durchdringe.

Grfülle pilgernd bier In tiefen Athemzügen Die ganze Seele dir Mit heiterem Genügen;

Doch wolle Stab und Gurt Nicht raftend won dir legen; Das Größt’ ift die Geburt, Und nur daheim ift Segen.

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Aitornelle von den griechiſchen Inſeln. Corfn.

Auch Grufteypreſſen Trägſt du, Corfu, ſonſt würde wer hier athmet Nur Roſen pflücken und des Grabs vergeſſen.

Ithaka. Als ſchroffe Klippe Im Meer ragt Ithaka, doch gab ein Echo, Ein ew'ges, ihr Homers geweihte Lippe.

Lesbos.

Süß war vor allen Die Reb' auf Lesbos Gipfeln, herb erſt ward ſie, Da Sappho's wilde Thräne drauf gefallen.

Paros. Voll Ehrfurcht liegen In Abendglorie ſeh' ich Paros Berge, Draus, Hellas, deine ſchönen Götter ſtiegen.

Naxos. Durch Höhn und Tiefen Fuhr Dionyſos hier im Pantherwagen, Daß heute noch von Wein die Spuren triefen.

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Salamis.

Nur Fiſcher wohnen An deinem Strand, doch harfet Heldenlieder Der Wind um deines Feljens Zackenkronen.

Thermia.

Von ſchroffen Küſten Umgürtet hauchſt du ſüße Luft dem Kranken Und ſtrömſt Geneſung ihm aus Felſenbrüſten.

Greta.

Hier ruhn, im Kranze Bon Blüt’ und Frucht, als Zwilling’ Herbit und Frühling ; Doch Ida's Scheitel jtrahlt im Silberglanze.

Delos.

O heilig Eiland! Verwüſtet liegſt du, baumlos, menſchenöde, Nur deines Phöbus Auge grüßt wie weiland.

Chios.

Dir ward beſchieden Des Jammers viel, doch über Schutt und Thränen Reift goldner nur die Frucht der Hesperiden.

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Hydra, Auf dürft’gen Kiffen Streng zogſt du dein Geſchlecht, da fällt! es Tannen Und ward ein Heldenvolf auf flücht’gen Schiffen.

Andros.

In Myrtenlauben Singt Liebe hier die Nachtigall, und ſilbern Den Fels umflattern Aphrodite's Tauben.

Santorin.

Hieher ihr Zecher! Hier reift der Gott des Feuers Feuertrauben, Und bat das Giland jelbjt geformt zum Becher.

Sebfer Gruß.

Fahrmwohl, fahrwohl! Du ziehſt von binnen, Und all mein Glüd zieht mit dir fort; Doch ſahſt du feine Thräne rinnen,

Und diefe Lippe Sprach fein Wort; Fahrwohl, fahrwohl! Du ahneſt nicht

Den Dorn, der mir in3 Leben fticht.

Ad, als in meines Herbites Trauer Du trateit, Frühlingsliht um's Haupt, Da ging dur diefe Bruft ein Schauer, Die nie zu lieben mehr geglaubt;

Am Wunder, das an mir gefchah, Fühlt' ih, ein Engel war mir nal.

——

Und da du meinem Spiel dich neigteſt, Und forſchend nach der Lieder Sinn Die junge Seele ganz mir zeigteſt, Und aller Himmel Tiefen drin:

O wie mir da die Thräne quoll,

Und war doch höchjter Freuden voll!

Mir war's, der Mond ſei aufgegangen, Mein dunkler Wandel ward voll Licht;

sch träumte hin im jchönen Prangen

Und dat’, ein Kind, der Zukunft nicht, Fahrwohl! — In Wolken ſinkt der Mond, Und Nacht wirds. Doc ich bin's gewohnt.

Fahrwohl, Holdſel'ge, ſei gejegnet,

Und ſei geſegnet, wem du nahſt;

Auch er, dem einſt dein Herz begegnet, Wann du mich längſt vergeſſen haſt — Fahrwohl, fahrwohl! Was geht's dich an, Daß ich dich nie vergeſſen kann?

Schwerer Abſchied.

Niemals werd' ich das vergeſſen, Wie dein Arm mich noch umfing, Jedes Wort beim bangen Preſſen Dir in Thränen unterging.

Ab, wir lernten erft im Scheiden Unfre Liebe ganz verftehn,

Und doch war’3 uns beiden, beiden: 's ijt auf Nimmerwiederſehn!

BEN re

Seit der Stunde jener Schmerzen Nob den Drud von deiner Hand Fühl' ich fühl auf meinem Herzen, Nie ib damals ibn empfand.

Und wenn Alles ſchweigt um mic, Mir auf's Bett die Sterne jcheinen, Iſt mir oft ich böre dich

In der Ferne weinen.

gie. Nah Byron.)

Schlaflofer Augen Sonne, trüber Stern,

Det thränenvoller Strahl erzittert fern,

Du zeigft das Dunkel, das vor dir nicht weicht;

Wie dir entſchwundnen Glüds Crinnrung gleicht!

Sp glimmt was war, vergangner Tage Licht,

65 glimmt, doch machtlos wärmt fein Schimmer nidt: Ein Nachtſtrahl für des wachen Kummers Pfühl, Deutlih, doch ferne — klar, doch o wie kühl!

Nach Honnenraft.

Nah Sonnenraft, wenn unter Schauern

Das Thal verſank in Dämmerfcein,

Da iſt mir's oft, als ging’ ein Trauern

Durh Berg und Flur, durh Baum und Stein:

Als ſäh'n mit brünftigem Verlangen

Wie um Grlöfung fie mid an:

„O nimm von uns dieß ftumme Bangen, Den ſchweren taujendjähr'gen Bann!

ar ee

— 25 —

Wir ſtarren, weck' uns auf zum Leben! Wir find gefangen, brih uns Bahn! Laß wieder tönen uns und fchmweben, Wie wir's im Anfang einjt getban.

An deinem Geijt laß uns genejen, Daß wir dabinziehn jtoffbefreit,

Ein jpielend Bild nur unfer Wefen, Dem Flügel deine Stimme leibt.

Wie wir in Gottes Schooß einjt rubten, Gedanken, los vom Zwang des Orts, Sp laß uns flingend wieder fluten,

Im leichten Element des Worts!“

Das iſt der Kreis, durch's All gejchlungen, Der Poeſie geheimiter Sinn;

Dem Wort iſt alles Ding entjprungen, Ins Wort jtrebt alles Ding dahin.

Elſyſium.

Chor aus einer Komödie.

Heitre Nächte, heitre Tage Feiert der erwählten Schaar In Elyſiums duft'gem Hage, Wo Muſik die Lüfte hauchen, Und aus Waſſern, ſpiegelklar, Goldne Blumen tauchen.

O mie löst ſich hier das Trauern! D mie ſtirbt in Lebensſchauern Süß dahin des Siechthums Leid!

yasni

Ewig jugendliche Glieder Sind binfort der Seele Kleid, Leicht wie Schwangefteder.

Mer vom Lethe getrunfen,

Ihm auf immer verfunten

Sind die Träume des Scheins; Doch zur Entfaltung genejen Mus, was Blüte gemejen

Seines fterblichen Seins.

Selig jo mit feligen Schatten Wallt er über Asphodelosmatten Hin im Dämmer des Lorbeerhains.

Waldgeſpräch.

Aus einer Komödie.

Linde. Guten Abend. Wie ſtehts?

Eichbaum. Einſtweilen noch feſt.

Feſtſtehn dünkt mich das allerbeſt' In dieſen irren Zeiten, Wo unter uns der kleinen Welt Ein raſtlos Wandeln nur gefällt, Ein Schwanken, Streiten und Gleiten. Schau' ich ſo aus meiner Ruh Der eitlen Haſt der Menſchen zu, Wie in Sorgen ihr Tag vergeht, Und was ſie bau'n der Wind verweht: Dann mit den bärtigen Wurzeln munter Faſſ' ich tief in den Grund hinunter,

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Der uns trägt feit undenflicher Zeit, Dann mwipfl ich mit Zweig und Laube Roller und höher vom Staube Wolkenhinan in die Lüfte weit.

Und tief erquickt aus des Erdreihs Kerne, Getränkt vom Thauen der Sterne, Rauſch' ich behaglic vor mich bin,

Und freue mich, daß ich nicht bin

Wie dieß Geſchlecht.

Linde. Bruder, haſt Recht. Sind ſie nicht Thoren? Für eine Spanne Zeit geboren, Füllen ſie die mit Grillen und Mühn; Wiſſen nichts von der Wonne, Badend im Glanz der Sonne Still von innen heraus zu blühn; Im heimlichen Wachſen und Weben Zu ſchauern wonnereich, Alte Tage träumend zu leben, Und neue zugleich. Laß ſie denn ſchwanken In ihren Gedanken, Täglich ſcheitern und neu ſich erkühnen! Wir bleiben feſt an unſerm Ort, Lächeln darein und rauſchen fort, Und grünen. Stimmen

(in den Wipfeln weiter wandelnd). Wir ftehn in Sonn’ und Sternenſchein An unferm Ort, und lächeln drein, Und raufchen fort und grünen.

22) Dar

Dom Deten.

Du ſagſt, du magjt nicht beten, denn es ſei Doch alles vorbejtimmt. — Wie? „Sit dein Gott Denn ſchon geitorben, feine heil’ge Vorficht

Gin bloßes Uhrwerk, das an Fäden jehnurrt, Der todte Nachlaß eines großen Künjtlers ?

Sit er nicht heut noch da und webt und Ichafit Am nimmer fert’gen Werk? Gibt diefer Duft Von jungen Roſen, der durch's Fenfter quillt, Nicht holde Bürgjchaft feiner Gegenwart,

Und daß er lebt und liebt? Und wenn er lebt, Wie hätt’ er Macht nicht, au dein Herzenzflehn, In jeines Rathes Schluß mit aufzunehmen,

Sp wie der Dunitkreis deinen Hauch empfängt, Und dann Erbörung über dich zu regnen?

O du, vor dem die Hfitrme ſchweigen.

O du, vor dem die Stürme ſchweigen, Vor dem das Meer verſinkt in Ruh, Dieß wilde Herz nimm hin zu eigen Und führ' es deinem Frieden zu: Dieß Herz, das ewig umgetrieben Entlodert allzuraſch entfacht,

Und, ach, mit ſeinem irren Lieben Sich ſelbſt und andre elend macht.

Entreiß es, Herr, dem Sturm der Sinne, Der Wünſche treulos ſchwankem Spiel; Dem dunkeln Drange ſeiner Minne,

Gib ihm ein unvergänglich Ziel;

Auf daß es, los vom Augenblide, Bon Zweifel, Angit und Neue frei Sih einmal ganz und voll erquide, Und endlich, endlich ſtille fei.

Babel.

Und fie ſprachen: „Was brauchen wir fürder des Herin? Mag im Blauen er thronen, wir gönnen’s ihm gern! Doch die Erd' iſt für uns, wir find Könige drauf,

Laßt uns ſchwelgen und glühn! Sie bejcheert uns vollauf.

Denn die Flur gibt uns Weiden, und Brod das Gefild, Und den Fifh gibt der Strom, und die Forftung das Wild, Und die Harfe den Ton, und die Rebe den Schaum,

Und das Weib ihren Reiz — und das andre ift Traum.

Und zum Zeugniß der Herrihaft, zum Zeugniß der Kraft Laßt uns gründen ein Mal, das die Zeit nicht entrafft: Einen Thurm, drum die Wolken fih lagern im Kreis, Dem da droben zum Troß und uns felber zum Preis!

Und der Jubel des Volks ob der Rede war groß,

Und fie fchritten ans trogige Werk mit Getos;

Durh den Wald fcholl das Beil, durch's Geflüfte der Karit, Und es fank die Cypreſſ' und der Porphyr zerbarit.

Und fie ftrichen die Ziegel und brannten den Thon,

Hoch jhlugen aus baudigen Defen die Loh'n;

Hoch ſchritt durch's Gewühl das Kameel mit der Kalt, - Und die Kelle des Maurers war nimmer in Raſt.

— 30 —

Ind es fnarrte die Wind’, und es ächzte das Tau, Und e8 wuchs wie ein Berg in die Lüfte der Bau: Cine ſchwebende Stadt, dran der Blick fich verlor, Und Zinn’ über Binnen und Thor über Thor.

Die Monde, die Jahre verjtrihen im Flug,

Schon rührten den Gipfel die Wolfen im Zug,

Da vermaß fi ihr Herz, und fie jubelten laut:

„un ſteht's! Und mer ftürzt, was wir haben gebaut?

Unfer Name wird gehn von Gejchleht zu Geſchlecht, Wie Göttern, fo wird man uns opfern mit Recht; Denn das ewige Werk, es ift morgen vollbracht.”

Und fie harften und zechten, und ſchwarz fam die Nacht.

Doch der Engel des Herrn mit dem feurigen Schwert,

Der dem Ahn einit die Pforten von Eden gemehrt,

Stieg herab im Gewölk, da fie lagen im Schlaf;

Hoh ſchwang er das Schwert, und es flammt’, und es traf.

Und wie Schall der Poſaunen erflang’3 durch den Strahl, Da ſchwankten die Binnen und jtürzten zuthal,

Da zerbariten die Pfeiler mit dumpfem Gefrad,

Und die Bögen, die Mauern, fie taumelten nad.

Und ein Schein war ergofjen wie Schwefel und Blut, Und es wirbelte Raub, und der Raud ward zur Glut, Und die Lohe, gefaht von den Schwingen des Sturms, Umſchwoll wie ein Segel die Trümmer des Thurms.

Doch verjtört aus dem Schlaf zu der Stätte des Bau’s Heritürzten die Menjchen und fchauten den Graus; Bleih ftarrten fie hin in verzweifelndem Leid,

Und zerrauften ihr Haar, und zerrifien ihr Kleid,

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Und fie däuchten ſich fremd von Geſtalt und Gejicht, Und fie fchrieen fih an und verjtanden fich nicht, Denn ihr Auge war trüb und verblendet jein Stern, Und verwirrt ihre Zungen vom Zorne des Herin.

Da wandten fie fih won Entjegen erfaßt,

Wie der Hirfeh, wenn das Hüfthorn ihn Shredt aus der Kalt, Und es ward eine Flucht, wie noch feine geſchah,

Und Gewühl und Geheul und Gewimmer war da.

Und Gefihter voll Angit, wie der Marmor jo blaß, Und Lippen voll Fluhs und gejtammelter Haß, Und verworrener Hader, und baftige Fracht,

Und Gewieher und Wagengedröhn dur die Nacht.

Wie Spreu vor dem Wirbel nah Süd und nad Nord Gen Aufgang und Niedergang jtoben fie fort,

Und die Fadel des Brandes erleuchtete jtumm

Ihren Pfad — und fein Einziger fhaute fih um.

Und das Feuer verglomm, und die Flucht war vertost, Und es graut’ und die Sonne erhub fih im Dit; Doh in ſchweigender Dede gewahrte jie nichts,

Als den wehenden Schutt auf der Statt des Gerichts.

Wandrers Naditlied. 1848.

Vergangen it nun mand ein Fahr, Daß ih hier jung und fröhlih war; Da ſchritt ih oft des Wegs daher, Nun kenn’ ih faum die Straße mehr.

Wohl rauſcht der Wald und trägt fein Kleid, Sein grünes, wie in alter Zeit;

D Hoffnung, wie der Wald jo grün,

Mas mußteſt du fo raſch verblühn!

Das Waffer von den Bergen rinnt, Den leichten Rau zerführt der Wind, Die Welt hat fih verwandelt gar,

Ich ſelbſt bin nimmer, der ich war.

Mein Herz, jo freudig einit, jo weit, Hat feine Luft an diefer Zeit,

Mo weiſe Lippe Thorheit jpricht,

Und deutſche Treu wie Glas zerbricht.

Das ift mein Gram zu jeder Stund: Sie baun und legen feinen Grund, Sie rechten fondern Maß und Hulp, Und tilgen Schuld mit größrer Schuld.

Nur du, der überm Sternenzelt Das Richtmaß aller Dinge hält, Du biſt dir ſelbſt geblieben gleich, Und aller Treu und Gnade reid.

D nimm mid, Herr, in deine Hut, Und gib mir einen fejten Muth, Daß ich getroft den ſchweren Tag, Wie einjt den guten, tragen mag.

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Sonett.

Der Acker, ewig umgewühlt vom Pfluge, Erſchöpft ſich endlich, gute Frucht zu tragen: So wird zuletzt nach höchſter Blüte Tagen Der Geiſt der Völker ſiech und lahm im Fluge.

Das Wiſſen überſchärft ſich ſelbſt zum Luge,

Die Kunſt wird Machwerk, alles Glauben Fragen, Und Zweifel, wägend ſtets anſtatt zu wagen, Würgt jede That beim erſten Athemzuge.

Ausging die Zeugung, während tauſend Zungen Von Freiheit, Kraft und Größe prahlend dichten, Als ſei der Menſchheit Gipfel nun erſchwungen.

Doch plötzlich dann mit donnerndem Vernichten Erbraust der Strom der Völkerwanderungen, Aus Weltenſchuütt ein Brachfeld aufzuſchichten.

Hiſtoriſche Skudien.

Mephiſtopheles. Wie, Fauſte, find' ich hier im Wald Dich über deinen Büchern hocken? Verſchleppſt du die gelahrten Brocken Jetzt gar in dieſen Frühlingsaufenthalt? Wie mag dein Geiſt im Staub vergilbter Schriften ruhn, Wenn dringend dich zu beſſrem Thun Des Sproſſers brünſt'ge Schläge locken?

Fauf, Lab mih! Sch bin an hohem Werke; - Sie fühl ih mich ſo friſch getränkt, Geibel, Geſ. Werke. II. E 3

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Als wenn ib in den Schooß vergangner Beit verfenft Auf der Gefhide leifes Wachsthum merke,

Und auf den Rathſchluß, der fie Ienft.

Am liebſten thu' ich das im Freien;

Dies Blühn umber, dies innige Gebeihen,

Dies raſche Welfen bier und dort,

Doch plötzlich folgt auf überkräfttges Schwellen, Grläutert mir die dunfeln Stellen

Und giebt zu mandem Räthfel mir das Wort. Das große Weltgefeg, nah dem im ew’gen Reigen Die Völker ſinken oder ſteigen,

Und mwechjelnd alles Leben fommt und flieht — Mit ſchärfrem Auge weiß ich’S feſtzuhalten,

Wenn klar im Spiegel der Natur fein Walten Sih abermals vor mir vollzieht.

Slephifiopheles, Ich will die nicht den Spaß verderben; Mir aber wär’ ein troftlog Lied. Die Summa heißt: Was lebt, muß fterben. _ Lang wird am Krug geformt, und eh’ man fich’S verfieht, Sp ftößt er an und liegt in Scherben. Das Wie erfährit du jedenfalls zu fpät; Drum fcheint mir deine Müh’ ein fruchtlos Unterfangen, Was kümmert's did, wenn’s leidlich dir ergeht, Warum es andern fo und fo ergangen?

Fauf. Du ſprichſt im Ernit, als fönntejt du nicht jehn, Wie eine Zeit die andre trage. Sind denn der Vorgeſchlechter Tage Der feite Grund nicht, drauf wir ftehn ? Das Ervdreih nicht, drin unfers Lebens Baum Bewußt und unbewußt unzähl’ge Wurzeln jenfet, Und das ihn fort und fort mit Nahrung tränfet

—

Bis in des Wipfels Blütenſaum?

Ja mehr noch: Was in Luſt und Wehen Jemals in die Erſcheinung trat,

Iſt's nicht für immer, nicht für uns geſchehen, Ermuntrung, Warnung, Troſt und Rath? Das nennſt du fruchtlos, was den Geiſt

Vom Druck unſichrer Einſamkeit errettet, Indem's ihn an ein reiches Geſtern kettet

Und deutend ihm die Bahn für morgen weist? Denn wer nur das Vergangne recht erkannt, Wird auch das Gegenwärtige durchſchauen;

Er wird getroſt mit doppelt ſichrer Hand

Am großen Bau der Zukunft bauen.

Mephiſtopheles. Mein Freund, das klingt pathetiſch zwar, Und viele haben ſo geſprochen; Nur ſchade, ſoll die Zeit nun in die Wochen: So iſt's am Ende doch nicht wahr. Schau dich nur um im weiten Ringe Nach Altem oder Neuſtem, wie es kommt, Ob je die Einſicht in geweſ'ne Dinge Dem wilderregten Augenblick gefrommt. Und lag der Fall auch noch ſo nah, Und ließ er ſich mit Händen faſſen, Wann hat ein Fürſt durch das, was einſt geſchah, Wann hat ein Volk ſich warnen laſſen? Der Menſchheit ewig wandelnde Gerichte, Die Lehren des Geſchicks, das alle Welt regiert, Sie wurden ſtets an dumpfem Sinn zunichte; Man lernte nichts aus der Geſchichte, Als wie Geſchichte man docirt.

Fauft So ſchlägſt du frei die Hoffnung nieder, Die kaum die Seele mir gejchwellt?

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Mephiſtopheles. Verſuch's und hoffe nur; ich habe nichts dawider, Doch ſeh' ich, wie ſie iſt, die Welt. Sie wird auch ſchwerlich anders werden, Solange nach wie vor auf Erden Der Menſch, indeſſen er genießt, Das Ungemach vergißt, das dem Genuß entſprießt. Verdarb er ſich auch hundertmal den Magen, Er läßt ſich's immer wiederum behagen, Wenn friſch der Becher um die Tafel geht; Und Größrem ſollte der entſagen, Der ſolchem Reiz nicht widerſteht? Glaub' mir, die Herrſchaft iſt ein Zauber eigner Art, Und ſtark genug, den Stärkſten zu bethören. Wer oben ſteht, mag keine Weisheit hören, Und würde ſie von Engelchören Ihm durch ein Wunder offenbart. Was ſoll das Maß ihm, hat er doch die Macht! Er denkt, ſo müſſ' es ewig bleiben, Und ſpürt er ſelbſt, daß drunten in der Nacht Die Kräfte ſchon, die ihn verderben, treiben: Er ſchlägt ſich's aus dem Sinn mit Vorbedacht.

Fanſt. Doch wenn nun endlich reif zum Falle Das Alte aus den Fugen bricht?

Mephiſtopheles. Je nun, dann kracht's. Dann ſchrei'n und toben alle, Und jeder Mund iſt voll von Recht und Licht. Da ſiehſt du himmelhoch von goldnen Zeiten ſchwärmen — Im Grunde iſt's ein nutzlos Lärmen, Die Namen ändern ſich, die Dinge nicht. Bald eingerichtet ſind die neuen Herrn, Und lernen ſacht im alten Gleiſe fahren;

RR:

Was eben noch ihr Hort und Stern,

Heißt Irrlicht ſchon nach wenig Jahren,

Und endlich alles Uebels Kern.

So treibt fih’S fort mit ruhelofem Drehen

Im Kreis, wie Mühlenräder geben,

Da frommt fein Rath, da gilt fein Halt;

Nur” das fteht feit im ew'gen Mühlen:

Mer die Gewalt hat, übt Gemalt,

Und wieder: wer nicht hören will, muß fühlen.

Mein Friedensſchluß. (1850.)

Wohl netzt' ich heiß mit Thränen meine Pfühle Und rang in Qualen, mic emporzuhalten; Denn furdtbar brannte diefer Zeiten Schwüle.

Es lag die Welt in grimmem Kampf zerjpalten, Und zu der Heere feinem konnt’ ich ſtehen; Hier ſah ih Wahnſinn, dort Verſtocktheit walten.

Das allertiefite Weh war mir geſchehen; Denn meiner Sehnjuht Bild, nun war's gefommen, Doch wüſt verzerrt, ein Gräuel anzufehen.

Das trieb mich raſtlos um, von Gram beflommen; Doch endlih, al3 ich lange Nächt’ und Tage Gerungen, ward von mir die Lajt genommen.

Nur wen das Shidjal ftumm iſt, der verzage; Zu wem der Gott fpriht aus der Weltgefchichte, Dem ſingt er Troft zulegt zur Zeit der Plage.

Dur blaffe Dämm'rung führt er ihn zum Lichte Und zeigt ihm, wie von hoher Bergeszinne, Vergangnes und Zukünft'ges im Geftchte.

Und jo von ihm geleitet ward ich inne: Es kämpft fih ein Gedank' in brünft’gem Hoffen Dur jede Zeit, daß er Gejtalt gewinne.

Doch in den Staub geboren weist er offen Nicht gleih fein Antlig; Geiſt und Bild find zmeie; Verhüllt erit glüht er unter niedern Stoffen.

Durch mißgefhaffner Formen lange Reihe Die Seelenwandrung bat er zu vollenden, Bis er verflärt erglänzt im Licht der Weihe.

Sp rang der Vorwelt Sehnſucht aller Enden Zum Schönen; doch bis ſie's gelernt zu faflen, Wie taftete fie lang mit ſchweren Händen!

Wie lange band fie Dinge, die ih haſſen, Im Bau der Sphinx, im Zwitterleib des Greifen, Und thürmte ſchwunglos trüb gebrüdte Maflen.

Und dennoch lag im Wilden, Rohen, Steifen Der Keim ſchon, der bejtimmt war, einft im Bilde Der Schaumgebornen wonnig auszureifen,

Wie fie mit Götterläheln die Gefilde Durchzieht und taufend Blumen weckt im Schreiten, Ganz Liebreiz, ganz Holvfeligkeit und Milde. —

Nun geht der Freiheit Geift durch dieſe Zeiten; Die Mafjen rührt er, daß fie ſich getrauen, Nah dumpfem Sinn den Leib ihm zu bereiten.

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Doh eine Binde liegt um ihre Brauen, Ihr Thun ift maßlos, fiebrifh ihr Geberden; Nur eine Götzin jchaffen fie voll Grauen.

Und taufend Opfer fallen ihr auf Erben, Denn ihre Sagung it mit Blut gejchrieben. Das ſind Geburtswehn; anders wird es werden.

Das Bild, aus krankem Sinn emporgetrieben, Drin fphinzgeftaltig Menſch und Thier fih einen, Zerberftend wird's dahin in Aſchen ftieben.

In reinerem Gefäß dann wird erjcheinen Der heil’ge Funke, feine Kraft zu proben, Denn jede Wandlung läßt ihm mehr vom Seinen;

Bis endlich, wie die Schönheit aus dem Toben Des Meers, die Göttin aufiteigt aus den Schladen, Unſchuldig, auf der Stirn den Strahl von oben;

Im Glanzgelod ruht jtatt der Krone Zaden Der Kranz ihr von des Delbaums Silberlaube, Und alle Welt beugt feiernd ihr den Naden.

Die Stunde, da fie jo entfchwebt dem Staube, Nicht träum’ ich noch mit Augen fie zu grüßen, Doch aud verzweifeln läßt mih nit mein Glaube.

Er giebt mir Kraft, zu ftehn auf franken Füßen, Den Spiegel jedem Zerrbild kühn zu zeigen, Und doch dem Keim zu huld’gen drin, dem füßen.

Und weil ih muß beim Kampf des Tages fchmweigen, Den Larven Schlagen, hab’ ich aufgerichtet Dies Lied als Mal, daß ich der Freiheit eigen.

- In ihrer Zukunft Sinn hab’ ich gedichtet.

SIENEL aus

alter und neuer Bett.

E:

Dur die wolkige Maiennadt Geht ein leifes Schallen,

Wie im Wald die Tropfen fat Auf die Blätter fallen.

Welch ein ahnungsreicher Duft Quillt aus allen Bäumen! Dunfel webt e3 in der Luft Wie von Zufunftsträumen.

Da, im Haud, der auf mich finft, Dehnt fih all mein Wefen,

Und die müde Seele trinkt Schauerndes Genefen.

Müde Seele, hoffe nur!

Morgen fommt die Sonne,

Und du blühft mit Wald und Flur Hell in Frühlingsmwonne.

II.

O gedenkſt du der Stund‘, als auf ſchimmernder Bahn Ueberm See von Sankt Wolfgang uns wiegte der Kahn, Mo die Felswand fich gipfelt aus laubiger Nacht,

Und die Tiefe der Flut ift wie lichter Smaragd?

Hohfommerzeit war's, und der Tag war uns hold, Denn der Abend zerrann wie in fchmelzendes Gold, Und fein Widerſchein mölbte fich leuchtend im See, Mit Wald und Geklipp und den Firnen von Schnee.

Bon dem Kirchlein am Hang mit den Fenjtern voll Glut Schwamm fejtlih Geläut zu ung her auf der Flut,

Zmei Gloden, die eine wie helliter Geſang,

Tiefftimmig die andre von jehütterndem Klang.

Und al3 wär' er begabt mit Empfindung und Sinn, 3og leifer und leifer der Nahen dahin,

Wie getragen von wehender Fittihe Schlag

Durch den Himmel, der über und unter uns lag.

D Stunde des Heils, da im endloſen Ring

Wie des Himmels Ummölbung die Lieb’ uns umfing, Und was tief in den fehauernden Herzen ung flang In einander verſchmolz wie der Gloden Gejang!

EM.

Ihr Rebengärten an ven Klüften, Ihr Nelken, die vom Fels ihr laufcht, Mie habt ihr heut mit euren Düften Mir rätbjelhaft den Sinn berauſcht!

Durb all mein Wesen flutet wieder Vergefine Luft, erinnernd Leid;

Im Zwielicht kommt's auf mich bernieder Wie Flügelſchlag der Jugendzeit.

Mir it, als rührte meine Wange Ein Kuß von unfihtbarem Mund; Da bäumt fih wild wie eine Schlange Die Sehnfuht auf vom Herzensgrund.

Die Arme jtred’ ich voll Verlangen Ins Dunkel, das mi heiß umgiebt; D fomm, o fomm, laß dich umfangen! Wo biſt du, Seele, die mich liebt?

IV. Nun kommt die Naht am Himmelszelt, Der Pfad wird ſchwarz und ftill die Welt, Die müden Füße ſchwanken; Das Mühlrad wogt in Schaum und Flut, Mein Herz das wogt in 2iebesglut » Und ſehnlichen Gedanken.

Wo biſt du nur zu dieſer Stund, Da wir ſo oft von Herzensgrund Geſpräch und Kuß getauſchet?

Wo biſt du nur, und denkſt du mein, Nun wieder dir um's Kämmerlein Die Lind' im Nachtwind rauſchet?

Ein Kranich, der vom Schwarm verflog, Schwirrt über mir im Dunkel hoch, Und ruft betrübt den andern —

— 3 —

Wir beide tragen gleiches Leid; Ah Gott, in Nacht und Einfamteit Wie traurig it das Wandern!

Und fomm’ ich heim an meinen Drt, Wohl grüßen mich die Kinder dort Am Thor und auf den Gaflen; Doch bei den lieben Freunden mein, Mir wird's wie in der Fremde fein, Diemweil ich dich muß laffen.

Ich feufze Tags: wär’ ich bei dir!

Ich träume Nachts: du fprichft mit mir, Und fahr empor und meine.

Denn all mein Freud’ und Glüd und Ruh, Denn meine Heimat bilt ja du,

Du Eine, die ich meine,

V.

Das iſt das alte Giebelhaus,

Wohl kenn' ih Treppen, Flur und Saal! Sie ſtehn wie vormals, da ich bier Seliebt zum erftenmal.

Dem Mond gleich mwechjeln Zeit und Herz, Nun wohnen andre Menfchen dort,

Und andre Liebe trägt mein Sinn;

Doch blieb gefeit der Dirt.

Zum Felt heut ging ih hin im Schwarm, Da fam’s auf mich, nicht weiß ich, wie — Ich hörte nicht Gefang und Spiel

Und dachte nur an Sie;

I ae

Und dacht' an meine junge Zeit, Und wie wir's anders gar gemeint, Und an ihr Auge blau und lieb, Das, ab, um mich gemeint.

Und als ih auf vom Sinnen fuhr, Die Welt umber begriff ih faum:

Als jei der Traum mein Leben, war's, Und all mein Leben Traum.

NE:

D müßt’ ich's nur zu fagen, Mas mich in diefen Tagen Bedrückt mit folder Bein !

In Lieder wollt’ ich’3 bannen, Da trüg’s der Wind von dannen, Und. wieder könnt' ich heiter fein.

Doch was unausgefproden

Sm Herzen fort muß pocen, Mas ftumm und unreif wühlt, Das ängftigt mi al3 Kummer, Das hab’ ich ftet3 im Schlummer AS einen jhmweren Alp gefühlt.

Drum frommt dir fein Zerftreuen, Es wird fih nur erneuen,

D Herz, warum bu zagit;

Du mußt e$ ganz durchdringen, Damit du’3 friſch bezwingen

Und im Gejang verfühnen magit.

Be

Dein Gram muß unter Thränen Sich zeit’gen erjt und dehnen

Im Wachen und im Traum;

Dann fommt ein himmlifh Wallen, Und von dir wird er fallen,

Sp mie die reife Frucht vom Baum.

VII.

Ich lieg' im tiefen Schachte,

Ein rother Edelſtein,

Von Nacht bedeckt, und ſchmachte Zu glühn im lichten Schein.

Da droben geht die Sonne; Ich träume manch Gedicht Von ihrer Strahlenwonne — Aber ſie ſieht mich nicht.

VIII.

Wenn du jemals in ein leuchtend Auge Schauteſt, und in ſeiner feuchten Tiefe

Eine liebe Menſchenſeele ruhn ſahſt,

O ſo blick empor zum Himmel heute!

Denn ein glänzend aufgeſchlagnes Auge

Iſt auch er, und durch den blauen Schimmer Magſt du in den Abgrund aller Liebe, Magſt du tief in Gottes Herz hinabſehn.

IX."

Wenn es rothe Roſen ſchneit, Wenn es Liebe regnet,

Oeffne, Herz, dem Glück dich weit, Das ſo hold dich ſegnet.

Halt' im Liede feſt den Glanz Solcher Freudentage,

Doch ins Heut verſunken ganz Nicht nach Morgen frage.

Weißt du doch, der Roſenzeit Folgt die Sonnenwende, Und die Liebe lohnt mit Leid Immerdar am Ende.

X.

Im Herbſte, wann die Trauben glühn Und froh die Keltern ſchallen, Da hebt der Sinn mir an zu blühn, Das Blut mir an zu wallen.

Es treibt das Herz mich hin und her, Und zuckt wie eine Flamme; Verleugnen kann ich's nimmermehr, Daß ich von Winzern ſtamme.

Denn kam ich auch am Oſtſeeſtrand Das Licht der Welt zu ſuchen;

Mein Stammhaus ſteht im Frankenland Im Dorf zu Wachenbuchen.

Et

Da lauſcht aus Rebenlaub hervor Das Zeichen der Familie,

Auf hellem Schild hoch über'm Thor Die roth und weiße Lilie.

Und rings umber ift Weingebiet,

Und golone Ströme rinnen,

Es klingt der Tanz, es ſchallt das Lied Der roſ'gen Winzerinnen.

Erſt meinen Vater trieb fein Stern Zur Hanfaftadt im Norden,

Mo er im Weinberg dann des Herrn Ein rüft’ger Winzer worden.

Und wie mein Urahn Moſt geſchenkt Für durſt'ger Wandrer Kehlen,

Hat er mit Gnadenwein getränft Die gottesdurſt'gen Seelen.

Wohl z0g fein hoher Geift auch mid Auf ernjte Lebensbahnen,

Doch Stets, wann's heebftet, rühret ſich In mir das Blut der Ahnen.

Und Ruh noch Raft nicht hat mein Sinn, Bis ih im Kreis der Becher

Geküßt die Ihönfte Winzerin,

Geleert den vollften Becher.

xl.

O wie floß mir beglüdt ver Tag Als ausraftend ich weiland Unter deinen Cypreſſen lag, Naros, blühendes Eiland!

a |

Ab, noch hatte des Lebens Joch Mund mich nimmer gerieben; War im Hoffen ein Knabe noch Und ein Jüngling im Lieben.

Eins nur kannt' ich als hohe Wflicht, AN mein Sinnen und Denken Fromm mit jeglihbem Morgenlicht In das Schöne zu jenen.

Und jo träumt ich zur Meeresbucht Täglich nieder vom Riffe,

Droben glühte die golone Fruct, Drunten zogen die Schiffe.

Fern um finfende Tempel lag’s Wie vorweltlihe Schauer,

Doch der Zauber des heut’gen Tags Dämpfte jegliche Trauer.

Und im finnenden Mükiggang Zwiſchen Wogen und Winden Reifte leife zum Frühgeſang Mein aufblühend Empfinden.

XI.

Das ijt der Liebe eigen,

Mit Worten muß fie ſchweigen; Sie fpricht mit ſüßen Zeichen Bon Dingen ohne Gleichen.

E3 jagt die Hand am Herzen: Hier innen trag’ ih Schmerzen, Und möchte doch dies Leiden Um alle Welt nicht meiden.

De

Im Auge fpriht die Thräne: Wie ih nah die mich fehne! Mein Wollen, Denken, Sinnen 63 will in deins verrinnen.

63 ſpricht der Lippe Züden: D laß dich an mich drüden, Auf daß im Feuerhaude

Sih Seel’ in Seele tauche!

So mebt in ftummen Zeichen Sich Botſchaft fonder Gleichen ; Bon Herz zu Herzen geht fie, Doch nur wer liebt verjteht fie.

XIII.

Fern in leiſen dumpfen Schlägen Iſt das Wetter ausgehallt,

Und ein goldner Strahlenregen Flutet durch den feuchten Wald.

Wie am Grund die Blumen funkeln! Wie die Quelle ſingt im Fall! Silbern aus den tiefſten Dunkeln Blitzt das Lied der Nachtigall.

Ach, und in dem ſüßen Schallen,

In dem Glanz durch's lichte Grün,

Herz, erkennſt du in dem allen

Nicht dein eigen ſelig Blühn? Geibel, Geſ. Werke. II. 4

A =

Laß dein Singen denn und Preijen Und in Andacht laufche zu,

Mie der Frühling deine Weifen Doch noch ſchöner fpielt, al3 du.

REN,

Nun winkt's und flüftert’3 aus den Bächen, Nun duftet?3 aus dem Thal herauf;

In ungeftümer Sehnſucht brechen

Die Anospen und die Herzen auf.

Des Hirſches Trott erklingt im Walde, Im Blauen fchifft der wilde Schwan, Den Aelpler treibt’3 zur fonn’gen Halde, Der Schiffer löst den ſchwanken Kahn.

Das find die alten Zauberliever,

Die hell ins Land der Frühling fingt, Daß tief durch alles Leben wieder Ein ungeduldig Hoffen dringt.

Und in das jchallende Getriebe Hineingezogen wallſt auch du,

Und ſuchſt, o Herz, das Haus der Liebe Und pilgerjt nad dem Land der Ruh.

XV. Mein Roß geht langjam durch die Nat, In Blumen jteht die Haide, Am Monde ziehn die Wolfen fact, Wie Lämmer über die Weide,

Da kommt ein felig Stillefein

In mein bewegt Gemüte:

Mir ift es, jeßt gedenkſt du mein, Du Herz von reiner Güte,

Es ijt dein Gruß, was mir fo lind Im Windeshauch begegnet;

D fühl aud du den Gruß, mein Kind, Der taufendmal dich fegnet.

XVI.

Es ſtand in meinem Hage

Ein Eichbaum kronenlos; Von jähem Wetterſchlage

Zerſpalten war ſein Schooß.

Ihn ſchmückten keine Blätter, Kein Vöglein kam ihm nah, Er ſtand in Sonn' und Wetter Ein dunkler Rieſe da.

Und ſah ich fern ihn ragen, Geſchah mir's wie ein Leid; Ich ſchaut' in ihm zerſchlagen Die deutſche Herrlichkeit.

Doch als mit Braus gefahren Der Frühling heuer kam, Mocht' ih am Baum gewahren Ein Beihen wunderſam.

EB NE

Von neuer Kraft durcdquollen Urplöglih trieb der Schaft, Die fnorr’gen Zweige ſchwollen Getränkt von üppigem Gaft;

Hervor brach unverdrofjen

In taufend Knospen bald,

In taufend lichten Sproſſen Des Lebens Urgemalt.

Und wo noch jüngſt vom Stamme So fahl die Aeſte ſahn,

Schien eine grüne Flamme

Zu fpielen himmelan.

Und wie der Wind die Zungen: Der Flamme raufchend bog, Und wie die Vögel fungen

Im dichten Laubgewog,

Da fam auf mich hernieder Ein frifher Hoffnungstraum: Getroft! Sp grünt auch wieder Dereinit des Reiches Baum.

XV1.

Ah, das ift ver Schmerz der Schmerzen, Daß mit feinem Schwall ver Tag Selbjt ein heilig Leid im Herzen

Trüb uns überfluten mag;

Be Le

Daß wir Göttlihes erfahren,

Aber nimmer ungejtört

In der Bruft es mögen wahren, Weil der Sinn dem Staub gehört.

Wie der Geiſt inbrünftig ringe Um ein ftilles Friedenglüd:

Der gemeine Strom der Dinge Reißt uns mächtig jtet3 zurück.

Und aufs neu von Schuld belajftet, Und auf3 neu verzehrt von Neu, Bleibt im Zwieſpalt, der nicht raftet, Nur die Sehnjuht uns getreu.

Ah, dann fühlen wir’s, uns bliebe Nichts, als trojtlos Selbitgericht, Mär’ auf Erden nicht die Liebe Und die Gnad’ im Himmel nicht.

XVII.

Durch Reif und Froft im falben Hage Schreit' ih dahin bei rauhbem Wehn; So fühl’ ih, ad, dur meine Tage Mit leifer Klage

Des Herbites fühle Schauer gehn,

Wo bijt du, reihe Jugendwonne,

Du trunfner Glanz mir im Gemüt? Ah, bleih und läffig hangt die Sonne Im Nebel, die fo ſchön geglübht.

«SER

Die Freuden brechen auf und wandern, Zugvögelfhwärme, fern hinab,

Und eine Hoffnung nach der andern Fällt welt vom Baum des Lebens ab.

Nur du, gedämpfte Liedesweiſe,

Du meiner Sehnſucht tröftli Wort, Du bliebſt mir treu und raufchejt leiſe Auch unterm Eife

Wie eine heiße Duelle fort.

XIX.

Auch der Schmerz iſt Gottes Bote; erniter Mahnung heil’ge Morte Bringt er uns und öffnet leife tiefgeheimer Weisheit Pforte,

Aber unfer irrend Auge, vielgetrübt vom Staub der Mängel, Nicht erkennt es in der dunfeln Schattentracht fogleich den Engel.

Daß fein bittrer Kelch uns fromme, ach, es dünkt ung eitles Mähnen,

Und das eigne Heil mißachtend, grüßen wir's mit heißen Thränen.

Grit wenn fcheidend der Verhüllte wiederum fih von ung wendet,

Sehn mir plöglih über'm Haupt ihm eine Glorie, die uns blendet.

Durch die dunkeln Schleier brechen Silberflügel, klar getheilte, Und die Seele ahnt es ſchauernd, welch ein Gaſt bei ihr verweilte.

XX.

Nun will der Oſt ſich lichten, Die Hähne krähn von fern, Und über ſchwarzen Fichten Erglänzt der Morgenſtern.

Und wie das Haar mir ſtreifen Die Lüfte kühl erwacht,

Da mag ich's kaum begreifen, Daß ich geweint zu Nacht.

Zergangen iſt mein Trauern; Ich fühl' es tief zur Friſt, Wie du in dieſen Schauern, O Herr, mir nahe biſt.

Und deines Friedens ſelig, Mit ruhig heiterm Blick

In deine Hand befehl' ich Auch dieſes Tags Geſchick.

XXI.

Wohl flog mit rothen Wipfeln einſt Mein Schiff in junger Zeit;

Dann kamen Sturm und Wetter, Da trug ich ſchweres Leid.

Doch wie der frühe goldne Traum Zerging des Kummers Laſt;

Nun ſchau' ich nach den Sternen Vom Steuer, ernſt gefaßt.

Ta ee

Was immer fam, ich hab's erkannt,

Am legten war es gut; Das hat mein Herz gegürtet Mit einem feiten Muth.

Jahr zu, mein Schiff, fahr fröhlich zu

Durh Glanz und Nebelrauch! In deinen rajchen Segeln Der Wind ift Gottes Haud.

XXII.

Seiner Tage dunkles Ringen, Seines Volks Begehr und Streit, Alles mag der Dichter ſingen, Aber viel gehört der Zeit.

Mag er zorn'gen Kampf erheben, Wenn's der Augenblick gebeut; Doch dazwiſchen ſoll er weben Was ſich fort und fort erneut.

Denn es werden einſt Geſchlechter, Die auf ſeinen Siegen ſtehn, Ungerührt im wunden Fechter Nur ein prächtig Schauſpiel ſehn.

Das nur wird durch ihre Reihen Gehn mit vollem Widerklang, Was er von den ew'gen Dreien, Gott, Natur und Liebe ſang.

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XXI.

Nun fih Laub und Anospe dehnen, Und der Wald in Beilhen blüht, Glüht auch mir das alte Sehnen Wie ein Feuer durch's Gemüt.

Ruhig jind nur die da ftarben; Herz, du ſpürſt zu diefer Friſt An dem Brennen deiner Narben, Daß du noch lebendig bift.

XXIV.

Ueber der dunkeln Haide

Mie weit, wie ar die Nacht! Mein Aug’ in ftiller Weide Verſinkt in ihrer Pracht.

Aufblinkend fließt durch's Blaue Wie Gold der Sterne Zug; Ich jpüre, wie ich's fchaue, Der Erde leifen Flug.

Das Haupt zurücdgebogen, Emporgejpannt den Blid, Fühl' ich's in mir wie Wogen Leis flutender Muſik,

Als käm' ein Widerhallen Von jenen Harmonien, Darin die Sphären wallen, Durch meine Bruſt zu ziehn.

Te XXYV, Lilie du im Rojengarten, Leicht und hoch auf ſchlankem Stamme

Schwebit du in den Morgenlüften, Eine zarte Silberflamme.

Mie dein Kelch dem Strahl erjchloflen Sih nad unten fejt verjchränfet: Eigen ſcheinſt du kaum der Erde, Nur dem Himmel, der dich tränket.

Ab, du grüßeft mich von Einer, Die ich rein, wie dich, erkannte, Die ich einjt mit füßem Namen Seele meiner Seele nannte,

Die mich lehrte, wie die Liebe

Himmlifch fich enthüllt in Schmerzen —

Wenn ich ihrer nur gedente, Wird es Sabbath mir im Herzen,

XXVI.

Laß dich nicht gereun der Thränen, Die du liebend einſt geweint! Unverloren blieb dein Sehnen, Ob du's anders auch gemeint.

Was als Blume du zu pflücken Allzuraſchen Sinns geglaubt,

Sieh, nun flammt's, dich zu entzücken, Dir als Sternbild über'm Haupt.

ne 7 Dr XXVI.

D laßt mir meine jtille Weife, D reißt mich nicht hervor an's Licht! Mich dürjtet nicht nach eurem reife Und eure Bahn ift meine nicht.

Dem Sänger find genug der Schlingen Vom eignen heißen Blut gelegt;

63 frommt das Map in allen Dingen, Und doppelt, wo man Geijter wägt.

Sit diefer Brust ein Ton bejchieden,

Der jtimmt in eures Herzens Schlag: Wohlan, jo gönnt mir Raft und Frieden, Daß ih ihn voll verjtrömen mag!

Doch nit wo bei der Kerzen Funkeln Den Reigen wilde Laune führt, Der Gott hat immer nur im Dunkeln Die Seele tönend mir berührt.

Cr flieht die Stätten, wo die Menge

Sih Götzen formt und dann zerbricht; Drum laßt mich mwerth fein feiner Strenge Und reißt mich nicht hervor an’s Licht!

XXVIII.

Sieh das iſt es, was auf Erden Jung dich hält zu jeder Friſt, Daß du ewig bleibſt im Werden, Wie die Welt im Wandeln iſt.

Er

Mas dich rührt im Herzensgrunde, Einmal fommt’s und nimmer jo; Drum ergreife kühn die Stunde, Heute weine, heut fei froh!

Sieb dem Glüd dich voll und innig, Trag' es, wenn der Schmerz dich preßt, Aber nimmer eigenjinnig

Ihren Schatten halte feit.

Heiter jente was vergangen

In den Abgrund jeder Nacht!

Soll der Tag dich frifh empfangen, Sei getreu doch neu erwadt.

Frei dich wandelnd und entfaltend, Wie die Lilie wächst im Feld, Wachſe fort und nie veraltend Blüht und klingt für dich die Welt.

XXIX. Durch Erd’ und Himmel leiſe Hinflutet eine Weiſe Wie fanftes Harfenwehn, Die jedem Dinge Fündet, Wozu es ward gegründet, Woran es foll vergehn.

Sie jpriht zum Adler: Dringe Zur Sonne, bis die Schwinge Dir trifft ein Wetterjchlag! Spriht zu den Wolfen: Regnet, Und wenn die Flur gejegnet, Zerrinnt am golonen Tag!

EP

Sie fpriht zum Schwan: Durcmalle Die Flut und dann mit Schalle

Gin jelig Grab ermirb!

Sie fpricht zur Feuernelfe:

In Duft glüh' auf und melfe!

Zum Weibe: Lieb’ und ftirb!

XXX.

Nah des Siechthums langer Plage Endlich diefe lichten Tage,

Blauer Himmel, ſtiller See; Rebenduft in fonn’gen Lüften, Tannen über ſchwarzen Klüften, Und von fern der Gletſcher Schnee! Ah, da fommt noch einmal wieder Innig Wohlfein auf mich nieder, Und im warmen Born der Lieder Löst fih auch das legte Weh.

Sprüde.

I.

So lang du wallſt auf Ervenbahnen, Dem Irrthum, Freund, entgehit du nicht; Doh läßt dich Irrthum Wahrheit ahnen, Irrthum ift Farbe, Wahrheit Licht.

2.

Freude ſchweift in die Welt hinaus, Bricht jede Frucht und koſtet jeven Wein; Riefe dich nicht das Leid nah Haus,

Du kehrteſt nimmer bei dir felber ein.

3:

Wider den Schmerz dich zu vermauern, Sit fo verkehrt wie maßlos Trauern;

Du follft von ihm di mahnen lafjen,

In dir dein Höchſtes doppelt feit zu faflen.

RE

Du weißt, ein Leid aus Gottes Hand Durchläutert dich wie Feuerbrand.

Sp lerne, wenn dich Menfchen Fränfen, Daß Gott au dies dir fehict, zu denken ; Das mindert zwar nicht ihr Verfehulden, Aber e3 reinigt dein Erdulden.

5.

Das magſt du ſelbſt am Kleinſten ſpüren: Wo die Schuld gegangen hinaus,

Immer durch dieſelbigen Thüren

Tritt die Buße zu dir ins Haus.

b.

Schreibe mit unbedachtem Stift

Kein leichtes Wort an die leere Wand! Daß keinen Reim dir eine Geiſterhand Darunterſchreibe, der ins Herz dich trifft,

(+

Wenn mas Gott dir zur Freude befcheert Deine Thorheit in Leid verkehrt,

Wird er dich Fünftig der Müh' überheben, Und das Leid dir ſchon fertig geben.

SE

8.

Mie follen die Freuden dir wiederfommen, Menn du fie ruchlos aufgenommen !

Sp mande trat zu dir ins Haus,

Und ging als Sünde wieder heraus.

EN

Zerlege nur und ruhe nimmer!

Wie fein dein Scharflinn mißt und trennt, In allem Höciten bleibt dir immer

Ein unergründlih Clement.

10.

Heißt dein Herz dich Gutes thun, Thu e3 rein um deinetwillen ; Läßt das Schöne dih nicht ruhn, Bild’ es, deinen Trieb zu ftillen; Doch das lafje dich ungeirrt, Was die Welt dazu jagen wird.

34;

Warum du wider alles Hoffen

Noch niemals mitten ins Schwarze getroffen? Weil du's nicht laffen konnteſt, beim Zielen ‘Immer ins Bublitum zu jchielen.

12. Sobald ſich Wahrheit nur, das junge Kind, Don weiten zeigt und ruft: „Macht auf geſchwind!“ Sp lauert auch ſchon grimmig hinterm Thor Die alte Lüg' und ſchiebt den Riegel vor.

1, Lüge, wie fie ſchlau fich hüte, Bricht am Ende ftet3 das Bein; Kannſt du wahr fein nit aus Güte, Lern’ aus Klugheit wahr zu fein.

14. Menn du giebit, gib ungefehn, Ganz dem Freund und mild dem Armen; Thu’3 aus innigem Erbarmen, Und vergiß es, wenn's gejchehn.

15 Undanf iſt ein arger Galt; Uber an den angethanen Liebesdienjt den Freund zu mahnen, Sit jo arg wie Undank fait.

16. Wenn dir die Freude zu trinfen beut, Thu’ einen herzhaften Zug für heut; Willft du den Krug bis zum Grunde genießen, Wird dir die Hefe dazwiſchen fließen.

Seibel, Ge. Werke. II. 5

17. Sp du als Wirth zu Tiſch dich fegeft, Schenke du nur vom beiten Wein; Denn wie du deine Gäſte ſchätzeſt, Sp wird dir felbjt das Gajtmahl fein.

18. Gönne dem Herbjt zum Eigenthume Den blafjen Kranz doc, der ihn ſchmückt! Sit denn die Witer feine Blume, Weil dich die Roſe höher entzüdt?

19. Greift nur nad jedem bunten Schein, Euch den Gejellfhaftsjaal zu ſchmücken! Aber die Kunſt geht nicht hinein, Sie müßte gar zu tief ſich büden.

20. Biſt vu betrübt, befeligt, Herz, Sp meide der Gejellihaft Fragen; Dein höchſtes Glüd, dein tiefſter Schmerz Sind ihnen nichts, als Stoff zum Schwagen.

21. Recht ift hüben zwar wie drüben, Aber darnach Jollit du traten, Eigne Rechte mild zu üben, Fremde Rechte ftreng zu achten.

22.

Kenn’, o kenne deine Sphäre, Laß fie nimmer ohne Noth!

Bilt du Seefiſch, bleib’- im Meere, Süßes Wafler ift dein Top.

23.

Mas du gründlich verjtehjt, das mache, Mas du gründlich erfuhrit, das jprich ! Bilt du Meijter im eignen Face, Schmäht fein Schweigen im fremden did. Das Reden von Allem magjt du gönnen Denen, die jelbjt nichts machen können.

24.

Laß dir den frifhen Muth nicht beugen

Durch des BVerzweiflers Jammerſpruch.

Er johreit: „Die Zeit kann nichts mehr zeugen,“ Sonſt fühlt’ er felbit ſich als Eunud.

25.

Mit wen’gen fommjt du nimmer fort, Doh hunderttaufend bring’ zufammen ; Dann fpri es aus, das rechte Wort, Sp jegeft du die Welt in Flammen.

26. Viel lieber Hoffart unverblümt, Als wenn bei feines Unwerths Proben Dir Einer feine Bejcheidenheit rühmt, Und doch nur will, du jollit ihn loben.

27. Mit unſrer Tagskritik verdarb ich's leider, Daß ih fie nie um ihre Weisheit frug; Sie Hopft no ſtets die abgelegten Kleider, Die ih vor fünfzehn Jahren trug.

28. Bon greifen Knaben welche Bande Tobt dort heran, und lärmt und jchreit? Sie reden irr vom Menfchenverjtande Und find beraufht von Nüchternbeit.

29. Wirf dein Talent nicht jo hinaus, Beleidigung damit zu rächen! Die Biene, die verfuht zu ftechen, Bringt feinen Honig mehr nah Haus.

30. „Wie fol ih mich im großen Schwalle Zur Geltung bringen, jag’. mir's an!“ Mah Eins nur treffliher als alle, Nur Eins, was fo fein andrer fann.

31.

Klug ift, wer jtetS zur rechten Stunde fommt, Doch Flüger, wer zu gehn weiß, wann es frommt.

IR.

Der jpielt leicht übermüthig Spiel,

Wem gleih der Sieg vom Himmel fiel; Mer fiegen lernt’ in Niederlagen,

Wird auch das Glüd des Siegs ertragen.

33.

Da3 wollen wir PBlaten nicht vergefien, Daß wir in feiner Schule geſeſſen; Die ftrenge Pflicht, die römische Zucht, Sie trug uns allen aute Frucht.

Aber wir möchten dabeı nicht bleiben, Das Dichten wieder deutich betreiben, Und gehn, wohin der Sprache Geift Mit ahnungsvollem Laute weif't.

34.

Was rühmft du deinen jchnellen Ritt! Dein Pferd ging durh und nahm dich mit.

35.

Srrational erfcheint das Leben; Die Kunſt foll feine Brüche geben.

36. Zwed? Das Kunjtwerf bat nur einen, Still im eignen Glanz zu rubn; Aber durch ihr bloß Erjcheinen Mag die Schönheit Wunder thun.

37. Höchſtes Glück ift Furzes Bligen, Fühl's und fprih: auf Wiederkehr! Ließ' es dauernd fich bejigen, Waär' es höchſtes Glüd nicht mehr.

38. Nur nicht dies und das verlangen Sollit du, wenn die Stunde fommt; Was fie bringt, das lern’ empfangen, Und fie bringt gewiß, was frommt.

39. Zanke nie, wenn deiner Klarheit Herb ein Graufopf widerſpricht; Reigentanz und junge Wahrheit Lernen fih im Alter nicht.

40. Nicht ein Sinn, erfühlt zu Eis, Ueber Sünden wilder Jugend Richte nur, wer ftark in Tugend Selbſt doch von Verfuhung weiß.

41. Bangt dir um deiner Knaben Seelen, Sp halt’ fie ſcharf in Sitt’ und Zudt; Ihren Glauben magjt du Gott befeblen, Denn Glaub’ ift erſt des Lebens Frudt.

42. Streb’ in Gott dein Sein zu jhlichten, Werde ganz, jo wirft du ſtark: AU dein Handeln, Denken, Dichten Quell’ aus Einem Lebensmark. Niemals magjt du reinjten Muthes Schönes bilden, Gutes thun, Wenn dir Schönes nicht und Gutes Auf demfelben Grunde ruhn.

43, Wo Schönheit fih und Güt' entzwein, Da wird die Schönheit nit mehr rein, Oder die Güte nit ganz mehr ſein.

44,

Gott würde dich jo hart nicht fallen, Hätteft du fanft dich führen laſſen.

45. Kommt dir ein Schmerz, jo halte ftill, Und frage, was er von dir mill. Die ew’ge Liebe jhidt dir feinen Blok darum, daß du mögejt meinen.

46.

Wird die Luft auch trüb und trüber, Wandellos bleibt Gottes Huld: Leide dich nur, es geht worüber, Wenn du Eins gelernt: Geduld.

47.

Wie ein Adler aus dem Blauen

Sit der Schmerz, der feine Klauen Jählings ſcharf ins Fleifeb dir jchlägt, Aber dann mit jtarfem Flügel

Ueber Wipfel dih und Hügel

Zu des Lebens Gipfeln trägt.

48.

Giebt die Noth dich wieder frei, Prüfe dich mit frommem Eifer,

Ad, und wardſt du drin nicht reifer, Sprich noch nit: fie iſt vorbei.

Vermiſchte Gedichte.

Bmweites Bud.

Münden.

Die Erde.

Wohl haft du einjt mit hoher Wonne Mein junges Herz geträntt, Natur,

Wenn mid der Glanz der Frühlingsjonne Zur Ferne zog durh Wald und Flur; Bertieft in mich, mit halbem Lauſchen

An deinen Wundern jtreift’ ich hin,

Und wob in all vein Blühn und Rauſchen Der eignen Bruft geheimjten Sinn.

Do heilig erniter iſt Die Feier, Damit du jest mein Herz ummebit, Wenn du den falt’gen Iſisſſchleier Dom hohen Antlig lüften hebit; Wenn du vom Reiz der bunten Schale Mein Auge till zur Tiefe lenkſt,

Und aus des heut’gen Tages Strahle Ins Dämmerliht der Urzeit ſenkſt.

et

Da offenbart im Schwung der Auen, In ſchwarzer Grotten Säulenſchooß Sib mir der Welle leifes Bauen,

Des Feuers jacher Zornesitoß;

Da fingt der Gurt geborjtner Schichten Ein beilig Lied mir vom Entitehn, Und läßt in wandelnden Gelichten

Die Schöpfung mir worübergehn.

Und wieder ſchau ich's, wie mit Toben, Dom unterird’fhen Dunſt gedrängt, Der flüfj’ge Kern des Erdballs droben Die meergebornen Krujten jprengt; Wie er, ein Strom von zähen Gluten, Bis in die Wolfen rauchend ftürmt, Und über Thäler dann und Fluten Zergipfelt zum Gebirg ſich thürmt.

D Rieſenkampf der Urgemalten,

Drin eine Welt fih gährend rührt,

Der von Gejtalten zu Geſtalten

Mich auf ein legt Geheimniß führt ! Denn mie ih raftlos rückwärts dringe Bon Form zu Form, erlifht die Spur; Ich fteh’ am Abgrund, draus die Dinge Der erſte Lebenspuls durchfuhr.

Da fällt ins zagende Gemüte

Ein Glanz aus tiefſten Tiefen mir: „Im Anfang war die ew'ge Güte, Und tauſend Engel dienen ihr!“

Und wie ſie licht in Flammen wallen, In Fluten brauſen allerorts, Empfind' ich ſchauernd über allen Den Hauch des unerſchaffnen Worts.

Herakles auf dem Defa.

Halt aus! Und ob's wie frejjend Feuer aud) Bis ans Gebein dir zehrt; dies ijt das lebte, Was du zu dulden hajt, halt aus mein Herz!

In Qualen no des Todes preij’ ich dich,

D Vater Zeus, Erhabner; denn ich weiß,

Du halt dem Sohne, dem in Sterblichkeit Geborenen, auch dies zum Heil verordnet, Und ziehit durch Leid und Hige den du liebit, Weil er dich ſucht, in deine Klarheit nad.

Aus eitel Kampf und Mühfal mwebteit du

Mein irdiſch Loos, und wie des Ringer3 Stunde Am Tag der Spiele ging mein Leben hin. Hab’ ih vom Aufgang bis zum Niedergang Den Erdkreis nicht bemandert? Hab’ ich nicht, Der nadte Mann, gerungen bis aufs Blut Mit all der Riefenbrut der ſchwangern Wildniß, Die, aufgequollen aus dem Element,

In troß’ger Urkraft jeder Sühnung lachte,

Bis diefe Sehnen ihre Wuth ervrüdt?

Hab’ ich nicht deines Himmels ſtolz Gemölb Getragen auf den Schultern hier, und bin Hinabgeitiegen zu den Pforten drunten

Der ew’gen Nacht, dab ih den Wächter dort Mit meiner Hand, den grimmen, bändigte ?

Nicht reut der Arbeit mih. Im Schweiß des Kampfes Wuchs in der Brujt der Kühnheit Blüte mir,

Des Harrens Muth, und meiner Glieder Kraft

Ward wie gejchmiedet Erz. Doc preiſ' ich dic

Um Größeres. Denn wo die Brüder mir

IRB SE

Troſtlos verzagten, oder eingehüllt

In dumpfen Trotz unwillig nur dem Schidfal, Wie einer maßlos fremden Macht, fich beugten, Da gabjt du mir’s, durch alles Irrſals Graus Das Walten deiner Segenshand zu ahnen; Und immer, wenn ich der gewalt’gen Noth, Der unbeugjamen, fejt ins Auge blidte,

Zulegt erfannt’ ic in den jtrengen Zügen Dein Antli doch, o Vater, wie's auf mid Auch jo Verheißung lächelnd nievderfah.

Heil mir! Denn wieder wie durch Schleier ſeh' ich's Zu diefer Stunde. Horb, Schon rollt, ſchon rollt Um Deta’3 Gipfel aus entwölktem Blau

Dein naher Donner Gnade fündend ber,

Und winkend zudt wie Adlerflügelſchlag

Dein Bli herab. Hab’ Dank, hab’ Dank, es lodern Um mich die Scheiter; über, unter mir

Schlagen der Löjung Flammen jaudzend auf,

Und wie das Staubgeborne endlich, endlich

Sleih wie ein mürb Gewand berniederflodt,

Trägt mid des Rauches blühend Goldgewölk Hinauf, hinauf zu dir, und jchauernd trink' ich

In deinem Odem, der won oben mir

Begegnet, Jugend und Unjterblichkeit.

Dh fuhr von Hf. Goar.

Ih fuhr von Sankt Goar Den grünen Rhein zu Berge; Ein Greis im Silberhaar War meines Nachens Ferge.

MD N, 1:

Wir plauderten nicht viel, Die Felfen ſah ich gleiten Dahin im Wellenfpiel,

Und dachte vor’ger Zeiten.

Und als wir an der Pfalz Bei Caub vorüber waren, Kam hellen Lieverfhalls

Ein Schiff zu Thal gefahren.

Ins weiße Segel ſchien

Der Abend, daß er glühte; Studenten faßen drin,

Mit Laub umkränzt die Hüte,

Da ging von Hand zu Hand Der Kelch von grünem Glafte; Das ſchönſte Mägdlein ftand In golonem Haar am Mafte;

Sie ftreute Rofen roth Hinunter in die Wogen, Und grüßte, wie im Boot Wir ſacht vorüberzogen.

Und horch, nun unterfchied

Das Singen ich der Andern: Da war's mein eigen Lied,

Ich jang e8 einft vom Wandern;

Ich ſang's vor manchem Jahr, Berauſcht vom Maienſcheine, Da ich gleich jenen war Student zu Bonn am Rheine.

Be, 7a

Wie ſeltſam traf's das Ohr Mir jetzt aus fremdem Munde! Ein Heimweh zuckt empor

In meines Herzens Grunde.

Ich lauſchte, bis der Klang Zerfloß in Windesweben;

Doch ſah ich drauf noch lang Das Schifflein glänzend ſchweben.

Es zog dahin, dahin —

Still ſaß ich, rückwärts lugend; Mir war's, als führe drin Von dannen meine Jugend.

Kein Hauch von Flur und Bald.

Kein Hauch von Flur und Wald! Dom Fluß ein Raufhen faum! Mein Schritt allein erjchallt Gedämpft im mweiten Raum.

Ihr Sternenzmwielicht gießt

Die Lenznacht erdenwärts,

Und ihre Friſche fließt

Verjüngend an mein Herz. |

Die mild in mir gejtrebt,

Des Tags Begier, entmweicht; | In meinen Adern ſchwebt | Das Leben liht und leicht. |

Faft iſt's, als jtreifte fühl Mir eine Geijterhand

Vom Haupte das Gefühl Der Schwere, die mic band.

ea

Und fchauernd wonniglich

In dunkler Lüfte Schwall Ergießt die Seele ſich

Und ſchwimmt gelöst im Al.

Aus dem Hchenkenbud). 1.

Mein her! Wein, damit du es lernit, Herz, geduldig zu harren;

Weil du fehier mir brächeſt am rnit, Gehn wir unter die Narren.

Weil zwei Schritte vor deiner Thür Nichts vom Leben mehr dein ift, Laß das Klügeln und forjche dafür, Wo der feurigite Wein ift.

Schwärmen wollen wir eine Zeit Bei den trunfenjten Wirthen; Aber e3 liege das Schwert bereit Unter dem Grün der Morten.

2.

Handeln und fingen in guten Tagen,

In böfer Zeit dazwiſchen fchlagen,

Diver, bijt du verdammt zu ruhn:

Nur nit in müßiges Grollen verfinfen ! Immer noch beijer ift Schwärmen und Trinken, ALS fih ärgern und gar nichts thun.

— 80 —

Gegrüßt jei, wer mir kühnbeſchwingt

Gedanken bringt und Lieder fingt!

Gegrüßt, wer harmlos mir vertraut,

Was ihn bevrüdt, was ihn erbaut!

Doch wer mir Gelahrtheit brodt in ven Wein, Der joll mein Zechgenok nicht fein.

4.

Bringet Kerzen, Wein und Saiten, Doch dann lat dem Ding den Lauf! Freude läßt fich nicht bereiten,

Mie die Blume geht fie auf.

d.

Recht zu trinken it auch eine Kunſt,

Die nicht jeglicher weiß zu faſſen;

Du folft ven Wein in dir walten laſſen, Aber als Feuer, nicht als Dunft.

6.

Menn du Flafhen frifch entjiegelit, Thu's mit Sinn und thu's als Meifter; Denn es ilt daS Reich der Geilter, Deſſen Pforten du entriegelft.

[# Das ſoll dir nicht verhohlen fein, Drmuz und Ahriman haufen im Wein; Unter dem Stöpfel im Goldenen, Blanten Schweben die freudigen Lichtgedanken; Ahriman kauert am Boden der Flafche, Und lauert, daß er dich erhaſche.

8. 63 prüft fein Schwert an Flod und Flaum Sein Gold im Tiegel der Kenner: Der Weinſtock ift der Erfenntniß Baum Für die Seele ver Männer.

SE

Lak mir die Knaben vom Feite Denn fie haben noch nichts erlebt! Das it am Weine das Beite,

Daß die Erinnerung drüber jehmwebt.

10. Set mir, joll ich heiter ſchlürfen, Nicht den ſchmächt'gen Schoppen her; Mag ih auch nicht mehr bedürfen, Doh empfinden mill ich mehr.

Flaſchen laßt mich auf dem Tifche, Fäller an ven Wänden fehn.

Daß mich gründlich was erfrifche, Muß es aus dem Vollen gehn.

Geibel, Gef. Werte. II. 5

BE

11.

Das iſt im Wein die Gotteskraft,

Daß er zerfprengt des Staubes Haft Und deinen Geift auf goldner Schwinge Entrüdt zum Mittelpunkt der Dinge, Wo du die Erde jehauft von fern

Im Gternendor als lichten Stern.

12.

Tief am Grund im güldnen Becher

Liegt der Schlüfjel zum Paradies:

Willſt du ihn finden, fo jet nur ein Zecher Wie Sofrates und wie Hafis.

13.

Suche den Hauch vom Jugendlenze

Beim Wein zu nah nicht noch zu weit!

Gr weht nur eben auf der Grenze Zmifchen dem Rauſch und der Nüchternheit.

14.

Schütte dein Herz in den Becher nur, Sp müfjen die Sorgen verfinfen,

Aber die Thorheit ift leicht von Natur, Die wird nicht mit ertrinfen.

15. Mein, ver glühende Freier, D mie jcehmeichelt er traut! Feurig hebt er den Schleier Meiner Seele, der Braut.

Feurig hebt er ven Schleier, Und fie läßt ihm jein Recht; Aus der trunfenen Feier Sproßt ein Liedergeſchlecht.

16. Augen feurig und feuriger Wein, Mo die zujammen hantieren, Da müßt’ ich ja fühl wie der Nordpol fein, Um nicht den Kopf zu verlieren,

Lab ihn denn fahren dahin, ven Wicht! Er ſchuf mir nur Grillen und Schmerzen; Berliebte und Trunfene brauchen ihn nidt, Sie denken mit dem Herzen.

2.

Der Schenk beſchließt. Frohſten Austauſch hin und wieder Bot ih heut als wackrer Schenk; Gabt ihr Stimmung mir und Lieder, Gab ich euch mein beſt Getränk.

Mild durchwärmt und leicht erhoben, Friſch zu jedem Werk und klar, Sollt ihr's mir erſt morgen loben, Daß mein Wein vortrefflich war.

—— —

Frühlingsmyfhus.

Mie fchauert heute durch die Lüfte Gin allgewalt’ger Sehnſuchtshauch! 63 dringt bis in die tiefiten Klüfte Der Sonnenjtrabl durch Dunft und Raud.

Und drunten bebt ſich's ihm entgegen, Wie er vie eif’gen Schleier Tüpft;

Du fpürft es, wie in jungen Schlägen Das Herz der Erd’ erwachend büpft.

Aus ihrem Bufen ringt ein Fäceln Wie leifes Athmen fich hervor,

Sie ſchlägt mit träumerishem Lächeln Des Waſſers blaues Aug’ empor.

Da geht aus uralt dunfeln Tagen Ein Klang durch meine Bruft dahin, Sm Räthjelwort verjhollner Sagen Vernehm ich ahnungsvollen Sinn;

Und über’3 dampfende Gefilve

Sing’ ih das Lied als Frühlingsgruß, Wie einft vom Zauberihlaf Brynhilde Gmporgebebt vor Sigurds Kup.

Höchſtes Leben.

O linder Frühwind, Schein der Sonne,

Wie füllt ihr heut mir Herz und Sinn! Getaucht in euch empfind' ich ganz die Wonne, Das holde Wunder, daß ich bin.

2

Es ſchwebt mein Geijt in freudigem Genügen, Gelöst von jeder Mühe, jedem Zwang;

Er athmet nur in leifen Zügen,

Allein fein Athmen wird Gejang.

Und wie ein kühles Feuer im Gemüte

Mir fpielend Ruhn und Thun in eins verklärt, Fühl' ich entzüdt; dies it des Lebens Blüte, Und preije den, der mir auch das beicert.

Die Braut. Am Tage vor der Hodzeit.)

Wie ſchmachtet' ih noch jüngſt Um ſeinetwillen!

Und dennoch wein' ich nun Für mich im Stillen.

Ach, als er heute mich So heiß umfangen, Kam in die Seele mir Ein endlos Bangen.

Schluchzend an ſeinem Hals Konnt' ich nicht ſprechen; Mir war's, als wollte was In mir zerbrechen.

Das höchſte Glück, jo nah, Macht, daß ich bebe —

O Liebſter, wüßteſt du, Was ich dir gebe!

ES gar >

Auf dem Hee.

Nun fließt die Melt in fühlem Monvenlicht,

Die Berge find in weißem Duft verſunken;

Der See, der leif’ um meinen Kahn fih bricht, Spielt fern hinaus in irren Gilberfunfen,

Do fein Geftad’ erfenn’ ich nicht.

Wie weit! Wie ftill! Da jchließt in mir ein Sinn Sih auf, das Unnennbarfte zu verjteben;

Uralte Melovieen geben

Durch meine Bruft gedämpft dahin.

Es finkt, wie Thau, der Ewigkeit Gedanke

Kühl fehauernd über mich und füllt mich ganz, Und mid umflutet fonder Schranfe | Ein uferlojes Meer von weißem Glanz. |

Romanze.

Die mit dem Reiz der braunen Glieder Im Tanz bezaubert jeden Sinn,

Sie ſchwingt das Tamburin nicht wieder, Flamenca, die Zigeunerin.

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———

Sie trug das Haar im Purpurnetze, Den blanken Fuß im Seidenſchuh; Nun deckt der Schattigſte der Plätze Den Schlaf des ſchönen Wildlings zu.

N

D raftet nicht am Maulbeerftamme, Ihr Knaben, feid auf eurer Hut! 63 jpielt im Dunkeln eine Flamme Empor vom Boden, wo fie ruht.

Und oft beim Duft der Nachtviole, Sagt man, daß fie den Rafen fprengt, Und mit langfamem Blid zur Kohle Dem, der fie jchaut, das Herz werjengt.

Mädchenlied.

Der du am Sternenbogen Als Erſtling kommſt gezogen, Schön vor den Brüdern du, O ſei mit deinem Strahle Gegrüßt ſei tauſendmale Lieblicher Bote der Ruh!

Schon löſeſt du das Bangen, Das mich am Tag umfangen, Mit kühlem Dämmer ſacht, Und läſſeſt mir im Innern Aufgehn ein ſüß Erinnern Wie eine Blume der Nacht.

Gudruns Klage.

Nun geht in grauer Frühe Der ſcharfe Märzenwind, Und meiner Qual und Mühe Ein neuer Tag beginnt.

Ich wall' hinab zum Strande Durch Reif und Dornen hin, Zu waſchen die Gewande Der grimmen Königin.

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Das Meer ift tief und berbe, Doch tiefer ift die Pein,

Von Freund und Heimatserbe Allzeit geſchieden fein;

Doch herber iſt's, zu dienen In fremder Mägde Schaar, Und hat mir einjt gefchienen Die güldne Kron’ im Haar.

Mir ward fein guter Morgen,

Seit ih dem Feind verfiel:

Mein Speif’ und Trank find Sorgen, Und Kummer mein Gefpiel.

Doch berg’ ich meine Thränen

In ſtolzer Ginfamleit;

Am Strand den wilden Schwänen Allein ſing' ich mein Leid.

Kein Dräuen ſoll mir beugen Den hochgemuten Sinn; Ausduldend will ich zeugen, Von welchem Stamm ich bin. Und fo fie hold gebahren,

Wie Spinnweb acht' ich's nur; Ich will getreu bewahren

Mein Herz und meinen Schwur.

O Ortwin, trauter Bruder,

O Herwig! Buhle werth,

Was rauſcht nicht euer Ruder, Was klingt nicht euer Schwert! Umſonſt zur Meereswüſte Hinſpäh' ich jede Stund:

Doch naht ſich dieſer Küſte Kein Wimpel, das mir kund.

——— —— — —— —

SET? ©. Me —— Er — — — — —

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Ich weiß es: nicht vergeſſen

Habt ihr der armen Maid;

Doch iſt nur kurz gemeſſen

Dem ſteten Gram die Zeit.

Wohl kommt ihr einſt, zu ſühnen; Zu retten, ach, zu ſpät,

Wann ſchon der Sand der Dünen Um meinen Hügel weht.

Es dröhnt mit dumpfem Schlage Die Brandung in mein Wort; Der Sturm zerreißt die Klage Und trägt beſchwingt ſie fort.

O möcht' er brauſend ſchweben Und geben euch Bericht:

„Wohl laſſ' ich hier das Leben, Die Treue laſſ' ich nicht!“

Volkers Nachtgeſang.

Die lichten Sterne funkeln

Hernieder kalt und ſtumm;

Von Waffen klirrt's im Dunkeln,

Der Tod ſchleicht draußen um. Schweb' hoch hinauf mein Geigenklang! Durchbrich die Nacht mit klarem Sang!

Du weißt den Spuk von dannen

Zu bannen.

Wohl finſter iſt die Stunde,

Doch hell ſind Muth und Schwert; In meines Herzens Grunde

Steht aller Freuden Herd.

SD U

O Lebenzluft, wie reich du blübjt! O Helvenblut, wie kühn du glühft! Mie gleicht der Sonn’ im Scheiven Ihr beiden,

Sch vente hoher Ehren, Sturmluft’ger Jugendzeit,

Da wir mit feharfen Speeren Hinjauchzten in den Streit.

Hei Scildgefrah im Sachſenkrieg! Auf unfern Bannern ſaß der Sieg, Als wir die erften Narben

Erwarben.

Mein grünes Heimatleben, Wie tauchſt du mir empor! Des Schwarzwalds Wipfel weben Herüber an mein Ohr; So ſäuſelt's in der Rebenflur, So braust der Rhein, darauf ich fuhr Mit meinem Lieb zu zweien Im Maien.

O Minne! wunderſüße, Du Roſenhag in Bluſt, Ich grüße dich, ich grüße Dich heut' aus tiefſter Bruſt! Du rother Mund, gedenk' ich dein, Es macht mich ſtark wie firner Wein, Das ſollen Heunenwunden Bekunden.

Ihr Kön'ge, ſonder Zagen Schlaft ſanft, ich halte Wacht; Ein Glanz aus alten Tagen Erleuchtet mir die Nacht.

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Und fommt die Früh’ im blut’gen Kleid: Gott grüß dich grimmer Schwerterftreit ! Dann magſt du, Tod zum Reigen

Uns geigen!

Abſchied von Lindau. Herbſt 1854.

Valet muß ich dir geben,

Du alte Lindenſtadt;

Schon glüht an deinen Reben Wie Purpur Blatt um Blatt; Schon jtiebt es von den Wipfeln Und dunkler treibt der See, Und auf der Berge Gipfeln Grglänzt ver erjte Schnee.

Du bijt mir hold gemefen ; Sp nimm des Gaftes Dan, Der hoffnungsvoll Geneſen Aus deinen Lüften tranf, Den nah verjährter Plage Am grünen Fiutenring Durchſonnter Frühherbfttage Beglüdte Raſt umfing.

Da lernt’ ih fromm auf's neue Die Stimmen all verftehn,

Die durch des Himmels Bläue Im Zug des Windes gehn; Was in den Wellen fchauert, Mas in des Waldes Grund Sehnſüchtig glänzt und trauert, Noch einmal ward’3 mir fund.

Ich ſah, wenn längft verfunfen In Schwarz der Thäler Grün, Am Schneehorn purpurtrunten Ein heiß Erinnern glühn;

Wo grimm dur Klippenbogen Der Gießbach Bahn fi ſchuf, Erſcholl mir's aus den Wogen Wie trotz'ger Jubelruf.

Und wie im ſegelhellen Beſonnten Griechenſchiff

Mich einſt auf blauen Wellen Das Lied Homers ergriff, Sprach hier in dunklen Zungen Aus Felsgeklüft und Tann Der Geiſt der Nibelungen Geheimnißvoll mich an.

Verſenkt in tiefes Lauſchen

Oft ſaß ich bis zur Nacht;

Da kam's wie Adlersrauſchen Auf mich herab mit Macht; Durch meinen Buſen zückte Verwandter Drang und Klang, Und was mich hob und drückte, Ward flutender Geſang.

O ſtillvertiefte Stunden, Labſal der Sängerbruſt,

Wohl ſeid ihr hingeſchwunden Raſch mit des Sommers Luſt. Doch wallt das Herz lebendig Mir auf nach eurer Ruh, Und frohgekräftigt wend' ich Der Heimat heut mich zu.

—— —

Dort winkt mir nach der Muße Manch liebgewordne Pflicht;

Es winkt mit hohem Gruße Des Herrſchers Angeſicht,

Der, jedem Flügelſchlage

Des deutſchen Geiſtes hold, Der Hoffnung künft'ger Tage Ein licht Panier entrollt.

Die Kunſt in Laub und Blume Umwob des Vaters Thron; Nun ringt mit ſolchem Ruhme Gedankenvoll der Sohn.

Den Ernſt der Weisheitſchule Geſellt er jenem Flor,

Und neigt vom Königſtuhle Dem deutſchen Lied ſein Ohr.

Wohl mag' ich treu ihm danken, Der für den Wanderſtab

Mir frommen Wirkens Schranken, Mir Herd und Heimat gab,

Und, weil er ſelbſt tief innen Die heil'ge Flamme nährt,

Mit fürjtlih hohen Sinnen

Des Dichters Freiheit ehrt.

Indiſche Weisheit.

Der Ganges rauſcht; vernimm im Abendroth Die Lehre von der Wandlung nah dem Top.

Mas it, das iſt von Anfang her geweſen, Und mwird im Tod zu neuem Sein genefen,

— I u

Der Inhalt bleibt, doch mwechjelt fort und fort Die Signatur nad ew’ger Satzung Wort.

Woran dein Herz zulegt gedacht auf Erden, Darein wirft fterbend du verwandelt werden.

Trifft did, o Jäger, no voll Morvbegier Der Tod: den Wald durchſchweifſt vu einjt als Thier.

Warſt du vertieft, ver Schöpfung Lied zu laufchen, Als Blume wirft vu blühn, als Welle raufchen.

Und fo dein Gold dir zwang den dumpfen Sinn, Zum Erz in Bergesſchacht fährft du dahin.

Wohl faßt vor ſolchem Schickſal di ein Beben: Doch jteht’S bei dir ins reinfte Licht zu ftreben.

Geden? an Gott zur Stunde, da der Pfeil Des Todes ſchwirrt, und du wirſt Sein ein Theil:

Gin Tropfen, liht ins Meer zurüdgefunfen, Spielend in Seiner Glut ein reiner Funfen.

Doch dieß erwäge: jählings naht der Top Und feiner jagt dir, wo noch wann er droht;

So jei, daß er nicht überrafcht dich fälle, Dein Auge jtet3 gekehrt zur em’gen Helle,

Und deines Weſens Blüte todtbereit In Gott verſenkt zu jeder Stund’ und Zeit.

Blauer Himmel.

Du Netherblau, vom jel’gen Licht getränft, Durchſicht'ge Tiefe, drein der Blick ſich jentt,

Bis er geblendet taumelt, Abgrund du, Unendlicher, der Heiterkeit und Ruh,

Wie ſchafft dein ſüßer Hauch den Geift mir leicht, Den ftaubumfchräntten, der dir, ach, nicht gleicht, Und doch, von deiner Klarheit angerührt,

In fih den Keim verwandter Zukunft fpürt! Denn ſchauernd ahnt er, jo gejättigt ganz

Bon heil’gem Frieden ruhn im lautern Glanz, Sp Licht und Segen jtrömen mühelos

Aus eigner nie erfhöpfter Füllen Schooß — Das wird, ob aud nad langer Wandlung Bein, Zulegt die Blume feines Wejens fein.

Dort und Schrift.

D Wunder fonder Gleihen, wie im Laut Sich der Gedanke jelbjt daS Haus gebaut!

D zweites Wunder, wie dem Blid die Schrift Den Schall verfinnlicht, der das Ohr nur trifft!

Nicht Willtür ſchuf das Wort, fonjt wär’ es hohl; Es iſt des Geift’3 nothwendiges Symbol.

Und forſchſt du meiter, ift der Buchſtab nur Des flüſſ'gen Lautes feſte Klangfigur.

—— ——

Eu do

Die Sehnſucht des Weltweifen.

Die fernen Flöten hör' ich fchallen, Der Feierhymnus wogt darein;

Es wälzt fih zu des Tempels Hallen Des Volkes Strom im Morgenjcein. Der Knaben rotbe Fadeln ſtrahlen Auf weißer Feltgewandung Zier;

Die Priejter tragen goldne Schalen Und führen den befränzten Stier.

Wohl möcht’ ih mit den Andern ziehen Und jubeln in des Opfers Rauch;

Doch auf den Stufen, da ſie fnieen, Umfäufelt mich fein Zebenshaud.

Der Kindheit milde Schleier ſanken, Die mid umfangen, lieb und eng,

Und vor dem fiegenden Gedanken Grlag der Götter bunt Gebräng.

Doh mie fih des Olymps Geftalten Gleih Träumen lösten nebelhaft,

Da war e3 mir, als flöll ihr Walten Zurück in Eine heil’ge Kraft;

Aus allem, was der Tag vollendet, Spricht göttlich ho ein ein'ger Sinn, Und meine Seele jtürzt geblendet

Por diefes Reichthums Füllen hin.

D du, nen ih zu nennen zage,

Du ew'ger Geift, deß reines Licht Noch durch den Dunft ver Götterfage In taufend Farben fpielend bricht;

— —

Den fie in taufend Bildern ehren, Und dem doch nie ein Bildniß alich, Du, den ih nimmer Fann entbehren, Du Einziger, wie fajj’ ich Dich!

Sm Weltall ſucht' ich ohn' Ermatten

Dih zu ergründen voll und ganz;

Doch Nachts verhüllit vu dich in Schatten, Und birgft am Tage dih im Glanz.

Und wenn das Morgenroth mich mwedte, Und überglüht aus meinem Traum

Die Hand ich taftend darnach ſtreckte:

63 war nur deines Kleides Saum.

Mohl ruft der Donner deinen Namen, Mohl zeigt ver Blig uns deine Spur; Doch, ob fie deine Boten famen,

Sie bringen halbe Kunde nur.

D, was von dir die Dinge ftammeln Mit dunkelm Deuten fort und fort, Wirſt du's, Erhabner, nie verfammeln Sin ein lebendig klares Wort?

Mird nie dein liebenvder Gedanke

Vol Wehmuth über unjer Leid

Herab fih neigen in die Schranke

Der jehnfuhtbangen Sterblichkeit? Wirſt nie dein blendend Licht du laſſen, Dih nah und menfhlic Fund zu thun, Daß wir mit Armen dich umfajjen Und fromm an deinem Bufen ruhn?

Ad, tief in meiner Seele Grunde Da ſchläft ein Ahnen wundervoll: Der Lauf ver Zeiten bringt die Stunde, Da ſolches Heil geſchehen joll. Seibel, Gej. Werke IN. 7

en BR van

O ſelig, denen du dein Weſen Dann fichtbar hold entgegenjentit, Die du zu himmliſchem Genefen Aus deines Lebens Modern tränfft!

Dann wird der Baum der Menfchheit grünen; Dann werden ihren alten Zwiſt

Der Himmel und die Erde fühnen

Durch den, der beider theilbaft iſt.

Ein janftes Leuchten wird durchdringen

Des Schickſals unverſtandne Bein;

Das Leben wird den Tod verfchlingen,

Und ein Geſetz der Liebe fein.

Der Tod des Tibertus.

Bei Cap Mifenum winkt ein fürſtlich Haus

Aus Lorbeerwipfeln zu des Meeres Küften

Mit Säulengängen, Moſaiken, Bülten . Und jevem Prunfgeräth zu Felt und Schmau2.

Dft ſah es nädhtliher Gelage Glanz,

Wo lock'ge Knaben, Epheu um die Stirnen,

Mit Bechern flogen, filberfühige Dirnen

Den Thyrſus ſchwangen in beraufhtem Tanz,

Und Jauchzen ſcholl, Gelächter, Saitenfpiel,

Bis auf die Gärten rings der Frühthau fiel.

Do heut, wie ftumm das Haus! Nur hier und dort Ein Feniter hell. Und wo die Säulen düftern,

Wogt am Portal der Sklaven Schwarm mit Flüftern, Es fommen Sänften, Boten fprengen fort;

Und jedesmal dann zudt umher im Kreife

Ein Fragen, das nur fheu um Antwort wirbt:

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„Das fagt ver Arzt? Wie jteht es?“ — Leiſe, leiſe! Zu Ende geht's; der greife Tiger ftirbt.

Bei matter Ampeln Zwielicht droben lag

Der kranke Cäfar auf den Purpurkiſſen.

Sein fahl Geficht, von Schwären wild zerrifien, Erſchien noch graufer heut, als ſonſt es pflag. Hohl glomm das Auge. Durch die Schläfe wallte Des Fiebers Glut, daß jede Ader jchlug;

Niemand war bei ihm, al3 der Arzt, ver alte, Und Macro, der des Haufes Schlüſſel trug.

Und jest mit halberftidtem Schredensruf

Aus feinen Deden fuhr empor der Siede,

Hochauf fih bäumend: Schaff' mir Kühlung, Grieche! Eis! Eis! Im Bufen trag’ ih den Veſuv.

D mie das brennt! Doc grimmer brennt das Denken Sm Haupt mir; ich verfluh’ es taujendmal,

Und kann's doch lafjen nicht zu meiner Qual;

O gieb mir Lethe, Lethe, mich zu tränfen! — Umſonſt! Dort wälzt ſich's wieder ſchon heran

Wie Rauchgewölk, und ballt ſich zu Geſtalten — Sieh, von den Wunden heben ſie die Falten

Und ſtarren mich gebrochnen Auges an,

Germanicus, und Druſus, und Sejan —

Wer rief euch her? Kann euch das Grab nicht halten? Was ſaugt ihr mit dem Leichenblick, dem ſtieren,

An meinem Blut und dörrt mir das Gebein?

's iſt wahr, ich tödtet' euch; doch mußt' es ſein.

Wer hieß im Würfelſpiel euch auch verlieren! Hinweg! — Weh mir! Wann endet dieſe Pein!

Der Arzt bot ihm den Kelch; er ſog ihn leer, Und ſank zurück in tödtlichem Ermatten; Dann, aus den Kiſſen, blickt' er ſcheu umher,

Nr FA

Und frug verftört: Nicht wahr? Du ſiehſt nichts mehr? Fort find fie, fort, die fürchterlichen Schatten — Vielleiht auch war’3 nur Dunjt. — Doc glaube mir, Sie famen oft ſchon Nachts, und wie fie quälen,

Das weiß nur ib. — Doch ftill! — Komm’ jet’ dich hier Nah, nah; von anderm will ich dir erzählen.

Auch ib war jung einft, traut’ auf meinen Stern, Und glaubt’ an Menjhen. Doch der Wahn der Jugend Zerſtob zu bald nur; und, ins Innre lugend, Verfault erfand ich alles Weſens Kern.

Da war fein Ding fo hoch und baar der Rüge, Der Wurm ſaß drin; aus jeder Großthat jahn

Der Selbitfuht Züge mich verfteinernd an,

Lieb’, Ehre, Tugend, Alles Schein und Lüge! Nichts unterfhied vom reißenden Gethier

Dies Kothgeſchlecht, als im ehrlofen Munde

Der Falfchheit Honig und im Herzensgrunde

Die größre Feigheit und die wildre Gier.

Mo war ein Freund, der nicht den Freund verrieth? Gin Bruder, der nicht Brudermord geftiftet?

Ein Weib, das lächelnd nit den Mann vergiftet? Nihtswürdig alle — jtet3 dafjelbe Lied.

Da ward auch ich wie fie. Und meil nur Schreden Sie zähmte, lernt’ ih Schreden zu erweden;

Und Krieg mit ihnen führt’ id. Zum Genuß Ward ihre Dual mir, ihr verendend Röceln,

Sch ſchritt ins Blut hinein bis zu den Knöcheln — Doch auch das Graufen wird zum Ueberdruß.

Und jest, nur noch gequält vom Strahl des Lichts, Matt, trojtlos, reulos ſtarr' ih in das Nichts.

Sein Wort ging tonlos aus; er feuchte leis Sm Krampf, von feinen Schläfen floß der Schweiß, Und graß verjtellt, wie eine Larve, ſah

— 101 —

Sein blutlos Antlitz. Zu des Lagers Stufen Trat Macro da: Soll ich den Cajus rufen, Herr, deinen Enkel, den Caligula? Du biſt ſehr krank — Doch Jener: Schlange, falle Mein Fluch auf dich! Was geht dich Cajus an! Noch leb' ich, Menſch. Und Cajus iſt wie Alle, Ein Narr, ein Schurk', ein Lügner, nur kein Mann! Und wär' er's, frommt' es nicht; kein Held verjüngt Rom und die Welt, wie er mit Blut ſie düngt. Wenn's Götter gäb', auf dieſem Berg der Scherben Vermöcht' ein Gott ſelbſt nicht mehr Frucht zu ziehn, Und nun der blöde Knab'! Nein, nein, nicht ihn, Die Rachegeiſter, welche mich verderben, Die Furien, die der Abgrund ausgeſpien, Sie und das Chaos ſetz' ich ein zu Erben! Für ſie dies Scepter! — Und im Schlafgewand Jach ſprang er auf, und wie die Glieder flogen Im Todesſchweiß, riß er vom Fenſterbogen Den Vorhang fort, und warf mit irrer Hand Hinaus den Stab der Herrſchaft in die Nacht. Dann ſchlug er ſinnlos hin. Im Hofe ſtand In ſich vertieft ein Kriegsknecht auf der Wacht, Blondbärtig, hoch. Zu deſſen Füßen rollte Des Scepters rundes Elfenbein und ſprang Dom glatten Marmorgrund mit hellem Klang An ihm empor, als ob's ihn grüßen wollte. Cr nahm es auf, unmwifjend, was es jei, Und ſank zurüd in feine Träumerei. Er dacht' an feinen Wald im Weferthal: Die vüftern Wipfelkronen ſah er ragen; Er ſah am Maljtein die Genojjen tagen, Blank jedes Wort wie ihrer Streitart Stahl,

— 112 —

Und treu die Hand zum Sühnen wie zum Schlagen. Und an fein liebes Weib gedacht' er dann;

Er ſah fie fiten an des Hüttleins Schwelle

Im langen gelben Haar, wie fie, mit Schnelle

Die Spindel wirbelnd, in die Ferne jann,

Wohl ber zu ihm; und vor ihm jpielt am Rain Sein Knabe, der den erjten Speer ih ſchnitzte,

Und dem fo kühn das blaue Auge blitte,

Als ſpräch's: Ein Schwert nur, und die Welt ijt mein! Und plöglih floß dann — wie, verjtand er faum — Ein andres Bild in feinen Heimatstraum;

Vor feine Seele drängt’ es ſich mit Macht,

Mie er dereinjt in heißen Morgenlanden

Als Wacht an eines Mannes Kreuz gejtanden,

Bei deſſen Tod die Sonn’ erloſch in Nadt.

Wohl lag dazwiſchen mand durchſtürmter Tag,

Doch konnt' er nie des Dulders Blick vergefjen, Darin ein Leidensabgrund unermejjen

Und dennoch alles Segens Fülle lag —

Und nun — wie fam’3 nur? — über feinen Eichen Sah er dies Kreuz erhöht als Giegeszeichen,

Und feines Volks Geſchlechter jah er ziehn,

Unzählig, jtromgleih; über den Gefilven

Bon Waffen wogt' e3; und auf ihren Schilven Stand jener Mann, und Glorie ſtrahlt' um ihn.

Da fuhr er auf. Aus des Palaſtes Hallen

Kam dumpf Geräuſch; der Herr der Welt war tobt; Gr aber jhaute kühn ins Morgenroth,

Und ſah's mie einer Zufunft Vorhang wallen.

— 18 —

Der Bildhauer des Hadrian.

So ſteht nun jehlanf emporgehoben

Der Tempelhalle Säulenrund;

Getäfelt prangt die Kuppel droben,

Von buntem Steinwerk glänzt der Grund. Und hob aus Marmor hebt fich dorten Das Bild des Donnrers, das ich ſchuf; Du rühmjt es, Herr, und deinen Worten Folgt taufendftimm’ger Beifallsruf.

Und doch, wie bier vor meinen Bliden Das eigne Werk fih neu enthüllt,

Mich jelber will es nicht erquiden,

Und faſt wie Scham ift, mas mich füllt. Ob nichts am hohen Gleichmaß fehle, Ob jedem Sinn genug gethan:

Kein Schauer quillt in meine Seele, Kein Unnennbares rührt mid an.

D Fluch, dem dieje Zeit verfallen,

Daß fie fein großer Puls durchbebt,

Kein Schnen, das, getheilt von allen,

Im Künftler nach Geſtaltung ftrebt,

Das ihm nicht Raſt gönnt, bis er’3 endlich Bemältigt in den Marmor flößt,

Und jo in Schönheit allverftändlich

Das Räthſel jeiner Tage löst!

Wohl bänd’gen wir den Stein, und füren, Bewußt berechnend, jede Zier,

Doch, wie wir glatt ven Meißel führen, Nur vom PVergangnen zehren wir.

— 104 —

O troftlos kluges Auserlefen,

Dabei fein Blig die Bruft durchzückt! Mas ſchön wird tft ſchon da gemejen, Und nachgeahmt ift was uns glüdt.

Der Kreis der Formen liegt bejchlofjen, Die einft der Griechen Geift bejeelt; Umſonſt durchtaſten wir verdrofjen

Ein Leben, dem der Anhalt fehlt.

Wo lodert noch ein Opferfunten ?

Wo blüht ein Felt noch, das nit hohl? Der Glaub’ ift, ac, dahingeſunken,

Und todter Schmud ward fein Symbol.

Sieh ber, no braun find dieſe Haare, Und nit das Alter ſchuf mich blaß; Doch gäb’ ich alle meine Jahre

Für einen Tag des Phivias;

Nicht weil des Volks verftummend Gaffen, Der Welt Bewundrung ihm gelohnt; Nein, weil ver Zeus, den er gejchaffen, Ihm jelbjt ein Gott im Sinn gethront.

Das war fein Stern, das war jein Segen, Daß ihn mit ungebrodhnem Flug

Der höchſten Urgejtalt entgegen

Der Andacht heil’ger Fittich trug.

Er durft’ im Neigen der Erfornen

Boll Glanz nod den Olympos jehn, Inde wir armen Nachgebornen

In götterlofer Wüſte jtehn.

Da uns der Himmel ward entrifjen, Schwand aub des Schaffens himmliih Glück; Wohl willen wir's, doch alles Wiſſen

Bringt das Verlorne nie zurüd.

— 15 —

Und feine neue Kunjt mag werden, Bis über diefer Zeiten Gruft Ein neuer Gott erfcheint auf Erden, Und feine Briejterin beruft.

Sonett des Dante.

Sobald die Nacht mit dunklem Flügelpaar Die Erd’ umfängt, dab jeder Strahl verblaßt: In Luft und Meer, im Wald von At zu Ait, Und unterm Dach wird jtill was rege war.

Denn Schlaf, der durch die Glieder wunderbar Sid ausgießt, gönnet dem Gedanken Rait, Bis daß auf's neu den Tag mit feiner Laſt Aurora wedt im blonden Zodenhaar.

Ich Unglüdjel’ger nur bleib’ unerquidt; Denn Seufzen, feindlich aller Ruhe, ſchafft Mein Auge jchlaflos und mein Herz voll Bangen.

Und, gleih dem Bögelhen im Garn verftridt, Je mehr ich juche zu entfliehn der Haft, Sp mehr im Wirrfal find’ ich mich gefangen.

»Palmfonnfagmorgen.

Es fiel ein Thau vom Himmel himmlifch milo, Der alle Pflanzen bis zur Wurzel ftillt;

Lab dein Sehnen,

Laß die Thränen! 63 fiel ein Thau, der alles Dürften ftillt.

— 106 —:

Ein fanftes Saufen kommt aus hoher Luft, Still grünt das Thal und jteht in Veilchenduft; Göttlih Leben Fühl' ich weben, Ein fanftes Saufen fommt aus hoher Luft.

Wie Engelsflügel blist es über Land;

Nun ſchmück' dich Herz, thu an ein rein Gewand! Sieb, die Sonne Steigt in Wonne,

Wie Engelsflügel bligt es über Land.

Macht weit das Thor! Der König ziehet ein, Die Welt foll jung und lauter Friede fein; Streuet Balmen ! Singet Pſalmen! Hofannah fingt, der König ziehet ein.

Zwei Pfalmen.

l.

Aus diefem Thal des Kummers

Vernimm, o Herr, mein Flehen!

Voll Angſt, beraubt des Schlummers

Lieg’ ih die Nacht hindurch in heißen Wehen; Durch mein Gebein rinnt irr ein fiebernd Graujen, Die wilden Wafjer gehen

Hoch über meine Seele hin mit Braufen.

Nicht weiß ich, mo ich bleibe,

Von Thränen ftrömt mein Bette;

Es ift an meinem Leibe | Gefundes nichts und nichts, was Frieden hätte.

— 17 —

Von Stöhnen heifer ven?’ ich meiner Fehle; O rette, rette, rette Aus diefes Jammers Abgrund meine Seele!

Mohl fühl’ ich, ich bin ſchuldig,

Sch jelbit an meinem Schaden:

Doch du bift, Herr, geduldig,

Gin Heiland und ein Aızt von großen Gnaden. Und wäre Sünde, roth wie Blut, die meine, Du kannſt mich lauter baden,

Daß ih wie frifchgefallner Schnee erjcheine.

Du kannſt auch löſen wieder

Dies Leid, das mir gejchehen,

Kannſt vie zerjchlagnen Glieder

Aufriehten, daß fie fejt wie Säulen jtehen. O birg dein Antlik nicht zu diefer Stunde! Für Recht laß Gnad' ergehen,

Daß ih am eilt, daß ih am Leib gefunde!

Sieh an mein qualvoll Schwanfen

Gleich der verdorrten Blume;

Wie ſoll mein Staub dir danken,

Sp du der Gruft mich giebjt zum Cigenthume? Die Todten ſchweigen deiner Herrlichkeiten ; Doch hell zu deinem Ruhme

Mill ich mein Elingend Harfenfpiel bejaiten.

D hilf, daß ich den Zagen

Dein gnädig Walten deute,

Und wie du Noth und Klagen

In Reigen kehrſt, und nimmft dem Tod die Beute. Denn ſanft im Säufeln fommft du nah dem Wetter; D komm, o bilf auch heute,

Mein Fels und meine Burg, mein Hort und Retter!

— 108 —

Nah Ichwerer Irrfahrt langen bangen Stunden, Nun endlih hat die Schwalb’ ihr Neſt gefunden,

Sie baut im Vorhof an des Herrn Altären, Das iſt die Statt, da trodnen alle Zähren.

Da fäufeln in ven Palmen Heimatlüfte, Da blühn vie Lilien, Frieden ihr Gedüfte.

Da ſpringt wie Silber Elar der Born der Gnaden, Die Seele trinkt und fie genest vom Schaden.

Die blutroth war von Sinnenlujt und Grolle, Wird rein wie Schnee und junger Lämmer Wolle,

Mo ift ihr Leid nun? Wie ein Traum zerronnen. Mo bleibt ihr Seufzer? Er verging in Wonnen.

Ein Tag der Raſt in diefen Säulenhallen Sft mehr, denn draußen taufend Jahre mwallen.

Und befier ift’S, hier an den Schwellen wohnen, Als in der Welt ob allen Reichen thronen.

Geſang des rieflers.

Der du einft in freier Liebe Dich in unfern Staub gebannt, Unſrer Bruft verworrne Triebe, Ah, und all ihr Leid erkannt; Der du felbjt in jenen Tagen Schmedteft ver Verfuhung Bein, Denen, die im Kampf erlagen, Reiner, kannt vu gnädig fein.

— 19 —

Ach, du weißt, in Sehnfucht ſchweifen Tauſend Geifter weit und breit; Doch, vom Schein bethört, ergreifen Für das Weſen fie das Kleid.

Was nur geiftlih mag gelingen, Mas nur göttlih kann erftehn, Wollen fie im Fleiſch vollbringen — Sollen fie verloren gehn?

Die da fuchen ohne Steuer Heimmehbang ein Ruhgeftad,

Die ein irre Liebesfeuer Hintreibt auf der Sinne Pfad, Die im Dämmer tauber Schadhten Graben nad der MWahrheit Licht, Alle, die nah Freiheit ſchmachten, Meinen Dih und mwifjen’3 nicht.

D beim Worte, das die Rächer

Von der Sünderin verwies,

Bei der Milde, die dem Schächer

Noh am Kreuz das Heil verhieß,

Bei dem Glanz, der himmliſch blendend Um Damascus Weg geflammt,

Und, den Sinn des Eifrers wenden, Ihn gejfalbt zum Botenamt:

Zeuch, o Herr, die durſt'gen Seelen, Die in dunkler Troftbegier

Im DVergänglichen ſich quälen, Zeuch fie liebend all zu dir!

Statt der Schale, dran fie Eleben, Laß fie Shaun der Dinge Kern, Steig in ihrem dunfeln Leben, Steig’ empor als Morgenjtern!

Ada,

Tagebucblätter,

Was heißt dur Wald und Aue Mich wieder träumen gehn? Auf's Moos geſtreckt ins Blaue Durch ſtille Wipfel ſehn?

Woher dies ſanfte Glimmen, Das in's Geblüt mir dringt? Dies leiſe Harfenſtimmen,

Das mir im Sinn erklingt?

Ich forſch' in meinem Innern, Allein ich rath' es kaum:

Iſt's nur ein hold Erinnern? Iſt's goldner Hoffnung Traum?

Doch weiß ich: alſo blühte Mein Leben wunderſam, Als einſt mir ins Gemüthe Die erſte Liebe kam.

——

Schaffe, Mutter Natur, mit Schweigen Dein ſtilles Werk in der Tage Kreis — Wachſe geborgen unter den Zweigen, Wachſe, blühe, mein Edelreis!

Die erquicklichſte Helle

Wirf, o Sonn', herab aus dem Blau! Träufle, Himmel, auf dieſe Stelle Deinen ſüßeſten Thau!

Denn hier iſt heil'ger Ort, es bricht Ein junges träumendes Leben Mit ſcheu ſehnſüchtigem Beben Aus zarten Hüllen ans Licht.

Schon rühren ahnungsreich

In ihm ſich himmlische Kräfte. Wirke, wirfe dein ftil Gefchäfte, Mutter Natur, und hüte zugleich!

Ach, fernhin ziehn mich fremde Sorgen; Aber von fern auch ſeg'n ich dich leis Seglihen Abend, jeglihen Morgen;

Im Grün geborgen

Wachſe, blühe mein Edelreis!

Noch webt der Kindheit Dämmrung ihr um’s Haupt Und läßt fie träumen faum von fünft’ger Blüte; Dein Wahn nur ilt’3, der mehr zu jpüren glaubt; Drum ftill, mein Herz, und dein Geheimniß hüte.

Doch einjt, ach, wird fie einjt die Deine fein?

Wirſt du noch alternd ihrer Jugend taugen? —

Mein gläubig Herz ſpricht: Ja, mein Kopf fpriht: Nein, Und heiß vom Herzen ſchießt mir’3 in die Augen.

— 112 —

So ſchwank' ih Stund’ um Stunde. Nacht wird Tag, Und Tag wird Nacht im langen bangen Warten.

Wann fommft du Mai? Wann blüht die Rof’ im Garten, Daß ih mein Shidjal wiſſen mag!

Schlage nicht die feuchten Augen Bang erglühend niederwärts; Meine nur, wenn ich dich Fülle, Meine nur, geliebtes Herz !

Junges ſüßes Leben jchauert

In dem tiefen Seelenlaut;

Mein’ und küſſe nur! Die Rojen Sind am jchöniten, wenn e3 thaut.

Lab Andre nur im Reigen

Mit lautem Gruß mir nabn, Du biſt mein lieblih Schweigen, Und ſiehſt mich freundlih an.

Dein Auge tief und minnig, Es jagt mir Tag für Tag, Was nimmer jo herzinnig Die Lippe fünden mag.

So hat die Frühlingsjonne

Auh Schall und Rede nicht, Und doch mit ftiler Wonne Durchſchauert ung ihr Licht.

Mir gab ven Wohllaut eigen, Der dir den Blid beſchied; Sei du mein lieblih Schweigen Und ib mill fein dein Lied.

— 13 —

Als ich vertieft heut lag am Waldesrand, Und bangt’ um deine Liebe, fiel von jelber Mir ein vierblättrig Kleeblatt in die Hand.

Und als ich jpät im Dunkeln dein gedacht, Am offnen Fenfter in den Garten lehnend, Da ſchoſſen Stern’ um Sterne dur die Nacht.

Was hilft's der Melt, vaß fie mich von dir trieb? Nun find mir Erd’ und Himmel Boten worden, Und jagen grüßend mir, du haft mich lieb.

Des Mondes Silber rinnt

Im Wald von Zweig zu Zweigen, Im Thal die Nebel fteigen, Entſchlafen ift der Wind.

Und wie fein Halm ſich regt, Kein Zäublein, feine Rante, Hat jeder Schmerzgedanfe Sich auch zur Ruh gelegt.

Wie Har erſcheinſt du mir In meiner Seele Grunde! Mir ift zu diefer Stunde, Sch redete mit dir.

Ich fühl's in jel’ger Ruh:

Eins ſind wir, auch geſchieden — Gut' Nacht, und ſolchen Frieden, Geliebte, hab' auch du!

Geibel, Geſ. Werke. III. 8

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Meil mein Mund ven Eugen Leuten Dft nur halbe Antwort jtammelt, Heißen fie mich den Herftreuten, Doch ih bin in dir gefammelt.

Lab an Babels Thurm fie bauen! Aber mich joll eins nur freuen, Fromm in innerlihem Schauen Mir dein Bildniß zu erneuen.

Und fo leb’ ih Stund' um Stunde Ginfam mitten im Getriebe,

Still durchſonnt im Herzensgrunde Vom Bemwußtfein deiner Liebe.

So wunderfüß hab’ ich geträumt zu Nacht,

Und fann mich doch des Traums nicht mehr entjinnen; Doch fühl ih noch erwacht

Gin fanftes Feuer durch die Bruſt mir rinnen,

Das fröhlih mid zu jedem Werke mad.

Gewiß, das ift dein lieber Wille,

Das it dein Gruß, du haft aus deiner Stille

In rother Frühe zu mir hergedacht.

Mag au heiß das Sceiden brennen, Treuer Muth hat Troft und Licht;

Mag auh Hand von Hand Jich trennen, Liebe läßt von Liebe nit.

Keine Ferne darf uns fränfen, Denn uns hält ein treu Gedenfen.

Sit fein Wafjer jo ohn’ Ende, Noch jo ſchmal ein Feljenfteg,

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Daß nicht rechte Sehnjucht fände Drüberhin ven ſichern Weg.

Keine Ferne darf uns kränken, Denn uns hält ein ſtark Gedenken.

Ueber Berg’ und tiefe Thale,

Mit ven Wolken, mit dem Wind, Täglich, ſtündlich tauſendmale Grüß' ich dich, geliebtes Kind, Keine Ferne darf uns kränken, Denn uns hält ein friſch Gedenken.

Und die Wind' und Wolken tragen Her zu mir die Liebe dein,

Die Gedanken, die da ſagen:

Ich bin dein und du biſt mein. Keine Ferne darf uns kränken, Denn uns hält ein lieb Gedenken.

Ueberall, wohin ich ſchreite,

Spür' ich, wie unſichtbarlich

Dein Gebet mir zieht zur Seite Und die Flügel ſchlägt um mich. Keine Ferne darf uns kränken, Denn uns hält ein fromm Gedenken.

Und ich bin ſo froh und ſtille,

Muß ich noch ſo ferne gehn;

Jeder Schritt — iſt's Gottes Wille — Iſt ein Schritt zum Wiederſehn.

Keine Ferne darf uns kränken,

Denn uns hält ein froh Gedenken.

— 116 —

65 war im tiefiten Waldrevier

Im Moos zu Füßen ruht’ ich dir; Kein Lüftchen ging vom blauen Zelt, Sp jtill der Ort, fo fern die Welt!

Da jah auf deinem Angeficht

Ich blühn des Himmels reinjtes Licht, Es glänzt’ in deinem Auge feucht Der Liebe heiligjtes Geleudt.

Und mie ich jog den Himmelsſtrahl, Zerging in mir der Erde Qual; Getaucht in deiner Liebe Schein,

Da ward ich jung, da ward ich rein.

Ein Siegel lag auf meinem Mund, Mir mwar’s, du bijt auf heil’gem Grund; Was nur dem Menjchen Höchſtes ward, Hier iſt's dir ſelig offenbart.

Und durd die Bruft mir friſch und fühl Hinrann der Cmwigfeit Gefühl,

Darin die Stunde Jahre wiegt,

Im Athemzug ein Leben liegt.

Wie lang wir blieben, weiß ich nidt; Weiß nur: mein MWefen war voll Licht, Mir waren unfer, Sch und Du,

Und Öott der Herr jah jegnend zu.

Der Wald wird dichter mit jedem Schritt; Kein Pfad mehr, fein Steig!

Nur die Quelle riefelt mit

Durch Farrenfraut und Brombeergezweig;

— 117 —

Ach, und unter den Eichenbäumen Das Gras wie buch, wie weich das Moos!

Und vie himmliſche Tiefe wolkenlos Wie blaut jie dur die MWipfel hier!

Hier will ich raſten und träumen, Träumen von dir,

Nun haſt du dich ergeben

Mir ganz mit Seel’ und Leib,

D du mein fühes Leben,

Mein Lieb, mein Kind, mein Weib.

Nimm bin denn fonder Schrante, Nimm hin auch du, was mein! Mein innerjter Gedanke,

Mein legt Gefühl ift dein.

Gott ſchickt hinfort uns beiden

Gin Glüd nur, Eine Notb;

Und Nichts mehr kann uns jcheiden, Es ſcheid' uns denn der Top.

D fühl's an meines Herzens Schlage, Wenn du mich jhweigend an dich drüdit, Wie du mit jedem neuen Tage,

Geliebte, höher mich beglüdit.

Ad, jeit in holdem Selbjtvergefjen Der Lippe Zagheit dir zerrann, Nun lern’ ich jelig erſt ermefjen, Welch Kleinod ich an dir gewann,

— — &

In deines Herzens lauterm Grunde Erſchließt ſich mir die reichſte Welt! Hinunter lauſch' ich Stund' um Stunde Wie in ein wehend Lilienfeld.

Du willſt nur lieben, glauben, ahnen; Und doch, mit dieſem ſtillen Sinn Auf des Gedankens kühnſten Bahnen Wie feſt und ſicher wallſt du hin!

Oft ſtaun' ich, wie dein klar Gemüte

Der Dinge tiefſte Tiefen mißt —

Und bliebſt doch ganz ein Kind voll Güte, Und ahnſt es nie, wie reich du biſt.

Ueber die ſonnigen Bergesgipfel

Kommt es gefloſſen wie Liebeshauch, Schauerndes Leben durchflutet die Wipfel, Hoch in Blumen entlodert der Strauch.

Alles Gealterte will ſich verjüngen,

Alles Gebundene ſanft ſich befrein, — Herz, wie jauchzeſt auch du in Sprüngen In den klingenden Frühling hinein!

Ziehende Schwäne droben im Blauen,

Drunten die quellende Blütenluſt —

Ach, und im Garten hinab zu den Auen Wandelt mein Weib mit dem Kind an der Bruſt!

— 119 —

Nun komm, mein ſüßes Weib, und raſten wir, So lang es dämmert, noch im Erker hier, Und horchen, wie im Winde reingeſtimmt Das Spätgeläut den See herüberſchwimmt; Ja, Feierabend iſt, und ſelig müd

Geſchloſſnen Auges lehn' ich in die Pfühle, Und wie ich deine Wang' an meiner fühle, Glänzt mir auch das noch leiſe durch's Gemüt, Wie wunderlieb mich heut zur guten Nacht Dein Kind aus blauen Augen angelacht.

Wachſt du noch einmal auf zum Schmerz Aus dumpfem Schlaf, zerdrücktes Herz?

Was ſchlägſt du noch? O Gott, ſie haben Mein Weib und all mein Glück begraben. —

Nun hallt der Menge dumpf Gebraus Allmählich auf den Gaſſen aus

Und müde von des Werks Beſchwerde Kehrt jeder zum vertrauten Herde.

Beglückt wer nach mühſel'gem Tag In Liebesarmen ausruhn mag!

Ich bin allein; im Herzensgrunde Bricht blutend auf die alte Wunde.

Am Fenſter lehn' ich ſtill und ſeh Dichtflockig niederwehn den Schnee, Die Nacht bricht ein; die Glocken ſummen Den Abendſegen und verſtummen.

— 20 —

Der Schnee fällt draußen auf ein Grab, Da jchläft, die ich geliebet hab’,

Die mich geliebt, wie feinen, feinen

Ein Weib geliebt — o könnt’ ich weinen!

Mie die Stunden leije fluten, Mel’ auf Well’ im ew’gen Lauf, Hört die Wunde jacht zu bluten, Hört das Herz zu zuden auf.

Wie Gejang entfernter Schwäne Lockt der Lenz mich. wieder fort, Und zur Wohlthat wird die Thräne, Zur Erlöfung wird das Wort.

Und den Schmerz, der mich zerrifien, - Da ih jtumm vor ihm erlag, immer könnt ich nun ihn miffen, Seit ih von ihm Hagen mag.

Mie gereift von heil’gem Feuer Wächst mein Herz in ihm empor; Ad, und himmliſcher und treuer Lieb’ ih nur was ich verlor.

Meiner Heimat Buchen grünen Schöner diejes Jahr, venn je, Und berüber von den Dünen

Rollt ver Wogenſchlag der See.

— 21 —

Waldesrauſchen, Meeresbraufen,

D wie wuchs mir wunderjam

Sonjt die Bruft von ſüßem Graufen, Wenn ih euern Gruß vernahm!

Durch der Wipfel dunkles Meben, Auf der Tiefe mächt'gem Schooß Fühlt' ih Gottes Odem jchweben, Und mein Herz ward fejt und groß.

Meeresbranden, Waldesichauer, O fo übt auch heut getreu, Uebt an meiner tiefen Trauer Gure ſtille Macht auf3 neu!

Singt dem Müden, Sehnſuchtskranken Das verwail’te Herz in Ruh!

Dedt mit Ewigkeitsgedanken

Der Geliebten Grab mir zu!

Ach, und wie mein irdiſch Weſen Euer Haud mit Kraft durdquillt, Laß mid ahnen ein Genefen, Das auch dieſes Heimweh ftillt!

Manchmal, al3 ob ich dich noch hätte, Menn mir der Tag verging in Schmerz, Trittft du in Träumen an mein Bette, Und legjt mir ſtill vie Hand aufs Herz.

63 mwebt um deine reinen Züge

Der jtille Glanz ver Ewigkeit;

Doch blidt vein Aug’, als ob es früge: „Was härmſt du dich? Sch bin nicht weit.“

— 12 —

Und bift du plöglih dann verſchwunden, Wohl wein’ ich wieder, doch es fühlt Mein Herz zugleich mit feinen Wunden Den Himmelsbaljam, ver fie kühlt.

Ein Hauch iſt über mir geblieben, Ein Troſt, wie ihn das Pfingſtfeſt bringt, Das fühe Wiffen, daß vein Lieben Auch durh den Tod noch zu mir dringt.

Gedichte und Gedenkblütter.

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4

Lieder

aus

alter und neuer Zeit.

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Du willſt in meiner Seele leſen

Und ſtill mein beſtes Theil empfah'n;

So ſchau mein unvergänglich Weſen

Im Spiegel meiner Lieder an.

Ich bin die Weiſe, die dich rühret,

Ich bin das Wort, das zu dir ſpricht, Der Hauch, den deine Seele ſpüret,

Ich bin's — und dennoch bin ich's nicht.

Denn ſieh, noch oft mit heißem Ringen Durch Schuld und Trübſal irrt mein Gang, Doch drüber zieht auf reinen Schwingen Die ew'ge Sehnſucht als Geſang.

So ſtürmt der Bach in dunkeln Wogen Zum Abgrund, drein er ſich begräbt,

Indeß der ſiebenfarb'ge Bogen

Verklärend überm Sturze ſchwebt.

11.

Die Möve flog zu Neit, Der Mond hält oben Wacht, Des Meeres Braujen fommt Bon ferne durch die Nadıt.

Sch jehreit’ hinab zum Strand, Die Seeluft jtreift mein Haar, Da kommt mir’3 ins Gemüth Mas jemals ſüß mir war.

Und wie die Wolfen dort Sich raſch verwandelnd ziehn, Ziehn durch die Seele mir Grinn’rungsträume bin.

Sie wechſeln für und für, Sie grüßen und zergehn; Dein Bild nur, wie der Mono, Bleibt klar inmitten jtehn.

III.

Wenn über's Schneefeld mit Gebrauje Des Neujahrs rauhe Stürme ziehn, Wie lieblich iſt's, im fihern Haufe Die Glut zu jhüren im Kamin!

Nun darf das Herz ih frei gehören, In feine Tiefen fehrt es ein, Und Geiſter lernt’3 emporbejhmwören, Genofjen jeiner Raſt zu jein.

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Kommt denn mit unhörbaren Tritten, Ihr Helden längſt verjchollner Zeit! In falt’ger Toga kommt gefhritten, Im blutbeftrömten Banzerkleid!

Ich jeh auf euren narb’gen Zügen, Im Auge, das verfintert droht,

Die Spur von hohen Thatenflügen, Von mwildem Glüd und jähem Top.

Und wenn mir eure Kränze jagen, Daß Ruhm und Sieg euch einjt gelabt, Ahn’ ich zugleich was ihr getragen Und ſtolz der Welt verjchwiegen habt.

Vielleicht, daß durch der Muſe Walten, Wie ihr mir ernſt vorüberſchwebt,

Por Einer plötzlich der Geſtalten

Mein ſchweigend Saitenfpiel erbebt

Und, wie fih Klang gejellt vem Klange, Wie Bild um Bild fih reich enthüllt, Ein groß Geſchick mir mit Geſange

Die lange Naht des Winters füllt,

IV.

Mie jäufelt über Thal und Hügel Der Gruß des Frühlings heut jo mild! Bon fern erklingt's wie Schwalbenflügel Und traumhaft brütet’s im Gefild.

Im Stamm der alten Linde fteigen

Die Säfte jhon geheimnißvoll;

Sie ſpürt's und fchauert mit den Zweigen Bor Freuden, daß ſie grünen joll.

SDR TS

Zwar deden Schleier zartgewoben Des Himmels Angefiht noch ganz, Do rinnt dur ihr Geſpinnſt von oben Verheißungsvoll ein weißer Glanz.

Gr gleiht dem rätbjelfüßen Schimmer, Der um des Mädchens Züge fchmebt,

Das ſich geliebt fühlt, doch noch immer Ihr Glüd ſich zu befennen bebt.

V;

In diefen Frühlinastagen, da genejen

Das Herz nicht will vom ſüßen Sehnſuchtsleid, Wie jpriht, was einjt bei Platon ich gelejen, Pertraut mih an aus dunkler Fabel Kleid! Geſchaffen, jehreibt er, ward als Doppelwejen Der Menſch vereinft im Anbeginn ver Zeit,

Bis ihn ein Gott, weil er nicht Schuld gemieden, In feine Theile, Mann und Weib, geſchieden.

Ein heilig Räthjel deutet mir dies Wort;

Mer fühlt’ es nie, daß Bruchftüd nur fein Leben, Ein Ton, nur angejhlagen, zum Akkord

Mit feinem Gegenton ſich zu verweben?

Wir all find Hälften, ad, die fort und fort

Nach ven verlornen Zmwillingshälften jtreben,

Und dieſes Suchens Leid im Weltgetriebe

Wir heißen's Sehnſucht, und das Finden Liebe.

— 6

— 29 —

VI.

Der ich alter Zeit Geſchichten Schrieb, als Schnee bedeckt die Flur, Jetzt, o Frühling, in Gedichten Deine Thaten ſchreib' ich nur.

Täglich merk' ich an, wie linder Sich die Kraft der Sonne rührt, Und die Blumen, deine Kinder, Aus dem Thal zum Gipfel führt;

Wie in tieferm Grün die Halde Schwellend prangt, vom Thau erfriſcht, Wie vollzähl'ger ſtets im Walde

Sich der Chor der Stimmen miſcht.

Heut aus zarter Knoſpenhülle Weiß und dicht wie Silberſchaum Brach des Birnbaums Blütenfülle, Morgen blüht der Apfelbaum.

Wichtig für mein froh Verzeichniß Däucht mir, was ich nur vernahm — Iſt's nicht auch ein Weltereigniß, Wenn die erſte Roſe kam?

Im Wind verhallt Trompetenton Und ferner Paukenſchlag; Es zieht durch's Feld die Proceſſion Am ſchönſten Frühlingstag.

Geibel, Geſ. Werke. III. 9

— 120 —

Die Fahnen wehn im Sonnenfcein, Die Kreuze blinfen vorn;

Don taufend Stimmen murmelt’3 drein, Sie flehn um Wein und Korn.

Weit hinter'm Zug, verfpätet, geht Durch's blüh’nde Saatgewind, Verſunken in ihr ſtill Gebet,

Ein hold blauäugig Kind.

Ihr roſig Antlitz iſt ſo klar, Ihr weiß Gewand ſo rein, Um ihre Stirn das goldne Haar Fließt wie ein Glorienſchein.

So wallt ſie hin, das ſüße Bild, Den Palmzweig in der Hand,

Als zög' ein Engel durch's Gefild, Und ſegnete das Land.

VIII.

Auf den grünen Auen Wallt der Sonnenſchein; Berg' und Burgen ſchauen Winkend in den Rhein.

Weiß vom Blütenſegen Liegt mein Pfad beſtreut, Durch das Thal entgegen Schwebt mir Feſtgeläut.

Wie mir da im Innern Jeder Schatten weicht

Und ein hold Erinnern Wonnig mich beſchleicht!

— 13831 —

Lieblichſte der Frauen, Still gedenk' ich Dein! Auf den grünen Auen Wallt der Sonnenſchein.

IX. Nun ſchwindet allgemah im Blau Der Feuerglanz der Sterne; Der arten liegt im frifchen Thau Und weiß im Duft die Ferne.

Schon ſingt die Nachtigall im Strauch Ihr Lied mit leifrer Kehle;

Aus Oſt ein wunderfühler Hauch Durdflutet mir die Seele.

Von Allem, was zum Staube zieht, ‚sm Schlafe reingebavdet,

Wie fühl’ ih mich zu That und Lied Mit Flügelkraft begnadet!

Mir ift’s, als ob mein Genius Mir Gruß und Handſchlag böte — Und prächtig über Wald und Fluß Geht auf die Morgenröthe,

X.

Ueber ven ftillen Seen

Erglänzt des Bollmonds Schein: Ein träumerifches Wehen Durchläuft ven Buchenhain.

— 12 —

Am thau'gen Hügelpfade An Düften wallt das Korn Und fern vom Waldgeſtade Herüber grüßt ein Horn.

Wie jchwebt zu dieſer Stunde Mein Geift in leihtem Flug! Geheilt it jede Wunde,

Die mir die Fremde flug.

Kaum zeugt von Kampf und Plage Verwachſ'ner Narben Spur Und an die golonen Tage Der Jugend dent’ ih nur.

Wie damals füllt mich innig Gin holdes Glüdsvertraun ; Ich fühl’, zu Haufe bin ich, D laßt mih Hütten bau'n!

XI.

D Sommerfrühe blau und hold!

Es trieft der Wald von Sonnengolp, In Blumen fteht die Wieje;

Die Nofen blühen roth und weiß Und durch die Fluren wandelt leij’ Ein Hauch vom Paradieſe.

Die ganze Welt ift Glanz und Freud, Und bift du jung, jo liebe heut Und Roſen brich mit Wonnen! Und wardſt du alt, vergiß der Bein Und lerne dich am Widerjchein Vom Glück der Jugend jonnen !

XI.

Nordoftwind hatten wir, die See ging hoch; Die Wogen rollten an mit jhäum’gem Kamme Und fprigten gifchend auf am Hafendamme, Der Tag ſah durch Gewölk, das flatternd 309.

Da ſchrittſt auch du den Quaderpfad entlang, In's ftraffe Tuch die herbe Fülle jchmiegend, Den jchlanfen Leib auf leichten Hüften wiegend, Beihmwingt und fejt der Kleinen Füße Gang.

Und plöglih fiel ein Strahl aus Wolfen da Und zeigt’ auf deiner Stirne mir die Güte, Und zeigte mir im Auge dein Gemüthe,

Das frifh und ſcheu doch in die Weit noch Jah.

Sp ſtandeſt du und ſogeſt tief geftillt

Den feuchten fühlen Haud, von Wind und Wogen Wie eine Meereslilie janft gebogen,

Geſchloſſ nen Mädchenthums ein reizend Bild.

Mir aber ſchwoll das Herz, mein Athem flog, Ich mußt’, ih würde nie dich wiederſehen,

Und doch war mir fo wohl, jo wohl geſchehen — Norvojtwind hatten wir, die See ging hoch.

XIII.

Einſtmals hab' ich ein Lied gewußt, Einſt in goldenen Stunden

Sang ich's, da ich ein Kind noch war; Aber mir iſt's entſchwunden.

— 134 —

Lieblich ſchwebte die Meile bin,

Meih wie Schwanengefieder;

Ab, wohl ſuch' ih vurh Feld und Walo, Finde nimmer fie wieder.

Manchmal mein’ ich, es wogt ihr Laut Ueber ver Flur in den Winden,

Aber er iſt verhallt im Nu,

Will ih ihn greifen und binden.

Dft auch, wenn ich bei Nacht entjchlief, Streift urplötzlich und leije

Ueber mein Herz mit Traumeshand Die verlorene Weife.

Aber fahr’ ih vom Kijjen auf, Kann ih mich nimmer befinnen ; tur vom Auge noch fühl! ih ſacht Brennende Thränen rinnen.

Und doch mein’ ich, fänd’ ich ven Klang: All die heimlihen Schmerzen

Könnt’ ich wieder, mie einjt als Kind, Mir mwegfingen vom Herzen.

XIV. Auf glatten Fluten ſchwamm ver Abenpftern, Ein grünlid Gold umdämmerte die Fluren: Die Thürme Lübeds fpiegelten fich fern Und leife zog der Nahen, drin mwir fuhren.

Die Luft ward fühl, Geſang und Scherz zerrann Gemach in traulic flüfterndes Gefofe,

Ein weißer Mädchenarm ariff dann und mann In's feuchte Blau nah einer Waflerroie.

— 135 —

Nachdenklich ſaß die Lieblichſte der Schaar, Ein jechzehnjährig blühend Kind am Steuer; Den milden Epheufranz im lod’gen Haar, Faft glich fie jener, die mir einjt jo theuer.

Und plöglih jtand es vor der Geele mir, Mein ganzes Glüd, mein ganzes Leid von weiland, Und tiefe Sehnfucht fiel mich an nad dir, Du meiner Jugend fernverjhollnes Eiland! — —

XV. Die Nacht ift klar, die Nacht ift kühl, Am Himmel ſchießen die Sterne — Du haft mi einft jo lieb gehabt Und mid gefüßt jo gerne.

Du haft mich einjt jo lieb gehabt, Mo blieb dein heiß Gefühl? — Am Himmel ſchießen die Sterne, Die Nacht iſt klar und fühl.

AN: Minne hält, das milde Kino, Einen Braud, wie blind fie fahre, Daß ihr vierundzwanzig Jahre Lieber ſtets, als vierzig, find; Altersfroft und graue Haare Treiben fie zur Flucht geſchwind.

Bei des Herzens Roſenfeſt Gilt vor aller Weisheit Schätzen Selig Stammeln, ſüßes Schmwägßen

— 136 —

Lipp’ auf Lippe ftumm gepreßt; Geiſt wird nie den Mund erfegen, Der jih feurig küſſen läßt.

Was verftridte denn fo jäh

Einſt das junge Herz Iſolden,

Daß fie fih mit ihrem Holden Glühend ftürzt” in Shmadh und Weh? Triſtans Locken wallten golden,

König Markes weiß wie Schnee.

Darum feße dich zur Wehr,

Glänzt in’s alternde Gemüthe

Dir der Schönheit Strahl, und hüte Dih por nichtigem Begehr; Minneglüd will Jugendblüte,

Und du änderſt's nimmermehr.

XV1. D mo iſt, mo ift das Glüd zu Haufe, Daß ich's endlich finden mag und greifen, Und mit jtarker Feflel an mich binden! D mo ift, mo iſt das Glüd zu Haufe?

„No des Mondes Sichel ſchwimmt im Waſſer, Wo das Cho ſchläft am hohlen Felfen,

Wo der Fuß des bunten Regenbogens

Auf dem Rajen jteht, da geh’ es fuchen !”

XVII. Die Freuden, die rofigen Tänzerinnen, Mit Kränzen und Fadeln, mit Spiel und Gefang, Wie fliehn fie auf ſchimmernden Sohlen von binnen! Uber der Kummer hat jhleihenden Gang.

a == 7 Bin

Berhallt ift das Felt und das fühe Gelächter

Der ſchwärmenden Dirnen, ad, eh’ ich's gedacht;

Nun tappt er um’3 Haus mir, ein grimmiger Wächter, Und ruft mir die langlamen Stunden der Nacht.

XIX. Ad, wer hat es nicht erfahren, Daß ein Blid, ein Ton, ein Duft Was vergefien war jeit Jahren Plöglih vor die Seele ruft!

Alſo fommt in dieſer füßen Frühlingzzeit von Wald und Fluß Sold Erinnern oft und Grüßen, Daß ich tief erfchreden muß.

Weiſen, die gelodt ven Knaben, Dämmern auf in meinem Ohr: Dunkle Sehnſucht, längſt begraben, Zuckt wie Blitz in mir empor.

Und mwenn hoch die Sterne Icheinen, Geht im Traum dur) meinen Sinn Winkend, mit verhalt'nem Weinen, Die verlorne Liebe bin.

XX. Daß holde Jugend nur zur Liebe tauge, Sch mweiß es wohl, und daß mein Lenz entſchwand; Doch fehn’ ich mich nah einem treuen Auge, Doch jehn’ ih mich nad einer weißen Hand.

— 138 —

Nach einem Auge, das mit hellerm Scheine Aufleuchte, wenn mein Tiefſtes ich enthüllt, Und das in jenen bängſten Stunden weine, Wo meines ſich nicht mehr mit Thränen füllt;

Nach einer Hand, die hier und dort am Wege Mir einen Zweig noch pflücke, herbſtesfarb, Die mir zum Raſten weich die Kiſſen lege, Und mir die Wimpern ſchließe, wenn ich jtarb.

XXI. Ach, wohl war dir bhienieven, Als dein Lenz noch gewährt, Piel vor Andern bejchieden, Mas das Leben verklärt.

Wo durch's bunte Gedränge Nur hinſchweifte dein Gang, Brachſt vu Roſen die Menge, Sangjt du friſchen Gefang.

Ja, mit feligem Neigen, Als dein Sommer verblübht, Mard in Liebe dein eigen Noch das reinſte Gemüth.

Darum dämpfe die Klage, Menn das Nebelgemog Nun jpätherbitliher Tage Deinen Himmel umzog.

Lerne ftill dich bejcheiden, Sanftmuth lern’ und Geduld, Und mit Lächeln im Leiden Zahl’ dem Glüde die Schuld;

— 139 —

Und der vergangenen Wonne Fromm im Herzen gedenk,

Jeden Blid noch der Sonne Preiſ' als ein himmliſch Gejchent.

RE Dftmals, wenn ih ganz allein Brüte, Nahtumgeben, Fließt's wie fanfter Mondenſchein Plöglih in mein Leben.

Jeden Drud, den ich empfand Schmerzlich und beflommen, Fühl' ih wie von Engelshand Sacht hinweggenommen.

Süßer Jugendſchauer quillt Ueber mein Gemüthe,

Und es dehnt fih tief geftillt, Wie im Thau die Blüte.

Staunend finn’ id, was gejchehn, So den Schmerz zu bannen? Diefes Friedens himmliſch Wehn, Diefer Glanz, von wannen?

Und ein Ahnen will zulegt In mein Herz ih ſenken, Daß geliebte Todte jetzt Drüben mein gedenken.

— 19. —

XXI.

Will das rafhe Blut dir jtoden, Wahre nur der Seele Schwung; Fällt ver Reif auf deine Loden, Liebe nur, fo bleibft du jung.

Lieb’ und mußte Sie dich laſſen, Die dein Herz einft felig fand, Darfit vu doch ihr Kind umfafjen, Blieb dir doch dein Vaterland.

XXIV. Am zerfallmen Burggemäuer Ueber'm ſchwarzen Fichtenhag

Glüht's nch einmal auf wie Feuer, Und verfunfen ijt ver Tag.

Schauernd rühren fih die Wipfel, Drunten jchwillt der Rhein mit Macht, Und vom Thal empor zum Gipfel Steigt wie ein Geſpenſt die Nacht.

Da befällt ein heimlich Graufen Mir im Dunkeln Herz und Sinn: „Steine brödeln, Wellen braufen, Und wie bald bijt du dahin!”

XXV. Das iſt's, was ſüßen Troſt mir bringt Und Jugendmuth im Alter,

Daß mir, Natur, noch hell erklingt Dein tauſendſtimmiger Pſalter;

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Daß heute noch die Seele mir Vergeht in ſüßem Grauſen, Wenn mir zu Häupten im Revier Die mächt'gen Wipfel brauſen;

Daß, wie als Kind, ich jauchzen mag, Am Dünenſtrand zu ſitzen,

Wenn über mich vom Wogenſchlag Des Giſchtes Flocken ſpritzen;

Daß mich in dunklem Sehnſuchtsdrang Die Berge ziehn, die blauen,

Daß mir beim Sonnenuntergang Noch mag die Wimper thauen;

Daß ſtets, vom Frühlingsſturm erfaßt, Mein Herz noch ſchwärmt und dichtet, Daß mir des Herbſttags goldne Raſt Noch ſtets die Bruſt beſchwichtet.

Wieviel ich Täuſchung auch erfuhr Im Leben und im Lieben,

Du biſt mir allezeit, Natur,

Du biſt mir treu geblieben.

Du haſt, wenn Unmuth mich befiel, Ihn ſanft hinweg gehoben,

Haſt mir dein leuchtend Farbenſpiel In jede Luſt gewoben;

Und wollt’ ih ganz im Schmerz vergehn, So zeigtejt du mir milde

Von Leben, Tod und Auferjtehn

Den Kreis im Spiegelbilve.

— 12 —

D laß mich ftill an deiner Hand Fortwallen, Heiliggroße,

Bis ib vom Schlummer übermannt Mag ruh'n in deinem Schooße!

XXVI. Der als Morgenſtern am Himmel Glänzte, bei des Tages Schluß Vor dem andern Sterngewimmel Geht er auf als Hesperus.

Früh und ſpät vom ſelben Golde Glüht der Saum des Firmaments, Und des Herbſtes letzte Dolde

Gleicht der erſten Dold' im Lenz.

Alſo gehn, wie ſich dazwiſchen Auch in buntem Unbeſtand

Der Entfaltung Stufen miſchen, End' und Anfang Hand in Hand.

Und ſo kann ich, rauſcht in leiſen Melodie'n mein Saitenſpiel,

Ein Gefühl nicht von mir weiſen, Das mir ſagt: Du biſt am Ziel.

Denn die letzten meiner Lieder, Wenn ich recht zu hören weiß, Klingen wie die erſten wieder

Und vollendet iſt der Kreis.

— 13 —

XXVL. Weil ich ohne Groll und Klage Dies Gejhid des Lebens trage Und den Sturm zur Ruh beſchwor: Meint ihr, daß ich drum vergeſſen, Was ich einjt fo reich beſeſſen, Mas ih, ab, jo früh verlor?

Zwar die Thränen find zergangen, Zu des Tags bewegtem Prangen Lernt' ich lächeln, wie vorher;

Doch geräuſchlos, tief im Herzen, Gehn die nie verwund’nen Schmerzen Wie ein leifer Strom durch's Meer.

XXVII.

Wie manden Blid du frei und freier In's Walten der Natur gethan, Aufs neue hinter jedem Schleier Sieht doch die alte Sphinx dich an.

Du kannſt ihr nimmer Antwort geben, Wenn fie die legte Frag’ entbot;

Ein ewig Räthſel ift das Leben

Und ein Geheimniß bleibt der Tod.

Vermiſchte Gedichte,

Erſtes Bud.

Schon Ellen.

„Run gnade dir Gott, du belagerte Schaar! Mas frommt nod, daß ich's verjchweige? Wir haben nicht länger Brod noch Wein; Das Pulver geht auf die Neige.

Und fommt nicht Hülfe, und fommt fie nicht bald, Den mwimmelnden Feind zu beitehen,

Sp jehn wir die Sonne, die roth dort fteigt, Wohl nimmermehr untergehen.“

Lord Edward ſprach's; trüb ftanden umber Die tapferen Waffengenofjen; Schön Ellen lehnt’ an des Felvjtüds Rap, Vom bunten Plaid umflofjen.

Sie ftarrt’ hinaus in die leere Luft,

Als ob ein Zauber fie bannte,

Und plöglih fuhr fie empor wie im Traum, Ihr dunkles Auge brannte.

— 15 —

„Nun ſchaut, ihr Brüder, nun ſchaut vom Thurm! Und habt ihr nichts vernommen?

Mir däucht, ich höre ganz fern den Marjch,

Den Marſch: die Campbell kommen.

Sch höre die große Trommel dumpf,

Sch höre des Pibroch's Weife, | Wie einft am Tweed ich gejungen das Lied, So fpielt in den Winden e3 leiſe.“ —

„„Ach, Mädchen, was redeit du Traum und Trug! Dom Thurm ift nichts zu ſehen, Als blaue Luft und gelber Sand Und fern des Rohrfelds Wehen.

Doh unterm Wall, da wühlt der Feind, Vieltaufend Waffen jhimmern;

Die Aerte bligen, mit denen ſie ſchon Zum Sturm die Leitern zimmern.““ —

Und die Sonne ftieg in die Mittagshöh, Und die Sonne begann fi zu neigen; Sie Iuden die Stüde zum legtenmal,

Sie drüdten die Hand ji) mit Schweigen.

Schön Ellen ſtarrt' in die leere Luft,

Ihr bleiches Gefiht war erglommen:

„Ich hab's euch gejagt, und ich ſag' es auf’3 neu, Sch hör’s: die Campbell kommen.

Ich höre den dumpfen Trommeljchlag

Zum gellenden Pibrochstone,

Ich höre den fhütternden Schritt auf dem Grund, Den Schritt der Bataillone, "—

Geibel, Geſ. Werte. IH. 10

—:16 —

„„Ach, Mädchen, wir ſpähen und ipäben umfonft; Und ſchon bricht ein das Verderben;

Der Feind, ſchon legt er die Leitern an;

Nun gilt's mit Ehren zu jterben!

Fahrt wohl denn Weib und Kind daheim,

Und ihr Hoclands-Geen und Haiden! —

Und nun, Kameraden, gebt Feuer, mit Gott! Und die Schwerter hervor aus den Scheiden !””

Und die Salve kracht’, und der Sturm ward heiß, Und Dampf lag über ven Wällen,

Und als ver Fähndrich zu Boden anf,

Da faßte die Fahne Schön Ellen.

„Kun steht, ihr Brüder, nun ſteht! Ganz nah, Ganz nah jest hör’ ich die Weiſe!“

Sie rief's und ſieh, da zerbarit das Gewölk, Und der Blid ward offer im Sreife.

Und da blißt’ es heran durch das meite Gefilo, Und da fam’s in Geſchwadern gezogen,

Mit gewürfeltem Plaid und mit Federn vom ar, Und Englands Banner flogen;

Und da brad’3 in den Feind, wie Hochlandsſturm, Und jest von allen vernommen,

Hoh über vem Rauch fortwogte der Marjch,

Der Mari: die Campbell fommen.

Und ver Feind zerjtob und fie zogen in's Thor, Und Ellen fang, wie fie bliefen:

„Run find fie gefommen, wie euer vom Herrn, Der Name des Herrn jei gepriejen !”

— 147 —

Omar.

Inmitten ſeiner Turbankrieger,

Die Stirne voll Gewitterſchein,

Zog Omar, der Chalif, als Sieger

In's Thor der Ptolemäer ein.

Umrauſcht von Mekka's Halbmondbannern, Ritt langſam er dahin im Zug,

Ihm folgte mit den Bogenſpannern

Ein Negerſchwarm, der Fackeln trug.

Sie zogen durch die öden Gaſſen,

Durch Siegesthor und Säulengang,

Drin klirrend nur der Schritt der Maſſen, Der Hengſte Stampfen wiederklang; Schon lenkte zu den Porphyrſtufen

Der alten Hofburg der Chalif,

Da warf vor ſeines Roſſes Hufen

Ein Greis ſich in den Staub und rief:

„O Herr, der Sieger warſt du heute, Und dieſe Stadt des Nils iſt dein,

So nimm als reiche Schlachtenbeute Ihr Gold und Erz und Elfenbein.

Die Thürme ſtürz' in Schutt zuſammen, Zerbrich den Bilderſchmuck des Hains, Die Tempel ſelber gib den Flammen! Nur eins verſchone, Herr, nur eins!

Sieh hin! Wo dort die Sphinxe grollen Am Thor, die Hüter unſres Ruhms, Da ſchläft in hunderttauſend Rollen Der Geiſterhort des Alterthums.

— 148 —

Mas, feit der Erdkreis aufgerichtet, In That und Wort fich offenbart, Mas je gedacht ward und gedichtet, Dort liegt's der Nachwelt aufbewahrt.

O gieb ven Schab, aus allen Reichen Der Welt gehäuft mit treuem Fleiß, Sieb dieß Vermächtniß ohne Gleichen, Der Menjchheit Erbtheil gieb nicht Preis! Nein, heilig ſei auch dir die Stätte,

Die jede Mufe fromm geweiht,

Streck drüber deine Hand und rette

Der Zukunft die Vergangenheit!“

Doch Dmar zieht die Stirn in Falten

Und ſpricht, indem fein Auge flammt:

„Ich bin genaht, Gericht zu halten,

Mas drängt du, Thor, did in mein Amt? Hinmweg, daß meines Zorns Geloder

Nicht dich fammt deinen Rollen trifft!

Die Schäte, die du rühmft, find Moder Und was du Weisheit nennft, ift Gift.

Schon allzulang am unfruchtbaren Vielwiſſen fieht die Welt erichlafit;

Der Staub von mehr als taufend Jahren Liegt wie ein Alp auf jeder Kraft.

Des Lebens Baum ließ ab zu lauben, Seit dran ver Wurm des Zmeifels zehrt: Mo it ein Herz noch, friih zum Glauben! Mo ift ein Arm noch, ſtark zum Schwert!

Daß endlich diefe Dumpfheit ende, Bin ich gefandt, vom Herrn ein Blig. Auf! Scleudert denn die Feuerbrände In der verjährten Krankheit Sig!

— 149 —

Und wenn, ummwogt vom Flammenmeere, Der aufgethürmte Wuft zergeht,

Ruft: Gott ift groß! Ihm fei die Ehre! Und Mahomed ift fein Prophet!”

Honig Moman’s Zins. Nah altbretoniihen Heldenliedern.)

Um die Meeresbuchten zieht der Nebel,

Zieht in Wolfen um des Schlofjes Thürme, Das vom Felſen auf ven Strand herabfieht ; Horh, da Klingt vom Thal herauf das Hifthorn, König Noman kehrt zurüd vom Waidwerk,

Mit den Jägern Fehrt er, mit den Braden. Jeder trägt was er im Forſt erbeutet,

Der ven Auerhahn und der den Rehbod,

Doch ver König jelbit, der ſtarke Walpherr, Trägt den Preis der Jagd, den mächt’gen Eber.

Als der Zug die Brüde nun erreicht bat, Steht am Gatterthor, des Königs harrend, Von Arez der achtzigjähr'ge Häuptling.

Um ihn stehn im Halbfreis feine Söhne, Schwarzgewaffnet all, in ſchwarzen Kleidern, Zorn und Kummer auf der düſtern Stirne. Freundlih zu dem Alten tritt ver König: „Sei gegrüßt an unfern Pforten, Häuptling! Sei gegrüßt und ſprich, was dein Begehr ilt, Und warum du kommſt im Trauerfleide ?” Ihm verfegt der Greis: „Wohl mag ich trauern; Große Noth und Schmach ift mir gefchehen, Mir und dir und unferm ganzen Volke.

. Denn als jüngjt zur ftarfen Burg von Rennes

— 150 —

Du den Zins gefandt an Frankreichs König, König Karl, ven fie ven Kahlen beißen,

War's mein jüngfter Sohn, der blonde Kado, Der die Wagen führte mit den Schäßen. Ungepanzert zog der Ahnungslofe,

Galt es doc, ein frievlih Werk zu jchlichten. Aber da man nun im Schlofje droben

Wog die Säde, war zu leicht der eine;

Denn es fehlten fieben Pfund an taufend.

Da ergrimmte der Wardein von Frankreich, Tobt' und ſchrie: So ſei's denn Blut für Silber! Mas der Fürft nicht zahlt, das zahlt der Bote! Wutherfüllt ven Lanzenknechten winkt’ er,

Daß fie fih auf meinen Knaben jtürzten.

Wie ein Wildpret ſtachen fie ihn nieder,

Und den Leichnam warfen fie vom Walle,” — Alfo fpricht der Greis. Die tiefe Stimme Bittert ihm vor ungemweinten Thränen.

Doch der König ſteht verjtummt, es fejleln Schmerz und Ingrimm furchtbar ihm die Lippe; Mit gewalt’ger Fauft das Haupt des Cbers Preßt er, daß das Blut in diden Tropfen Niederſprüht auf fein Gewand von Linnen; Dann, gefaßt, verfegt er diefe Worte:

„Sei getroft, o Greis! Du jollft erfahren,

Daß im Himmel droben nodb ein Gott lebt, Und ein König, der dich rächt, auf Erden.

Bei dem Haupte dieſes Ebers ſchwör' ich's: Nicht vom Saft ver Rebe will ich trinken,

Noch dies Blut von meinem Kleive wajdhen, Bis die Schmach, die uns geſchehn, getilgt ward!” Spricht's und jchreitet in's Gewölb des Thores; Schmweigend folgen ihm die düſtern Gäſte.

— 151 —

Wie verwandelt jtehn des Schlofjes Hallen, Geit der König geht im blut’gen Kleive.

Kein Gefang mehr fehallt und fein Gelächter, Staub bevedt die feitgewohnten Tafeln

Und die Spinnen weben am Crevenztiich ; Nur der Waffenſchmiede dumpfes Hämmern Klingt empor vom Zwinger und die Brüde Dröhnt vom Hufſchlag raſch entjandter Boten.

Über als zum andernmal im Jahre

Nun der Tag jih naht, ven Zins zu zahlen, An ven Strand hinab mit feinen Dienern Zieht der Fürft, ein ſeltſam Werk befehlend. Kiejel heißt er fie am Ufer jammeln,

Flache Kiejel, wie das Meer fie auswirft, Heißt fie die, als wären’3 Silbermünzen, Häufen, wägen und in Säde jchnüren

Und die ganze Laft auf Wagen jchichten. Schmwertumgürtet jteigt er dann zu Roſſe, Steigt zu Roß mit jtattlichem Gefolge,

Und die Wagen führt er jelbjt nah Rennes.

Als der Zug nun anlangt vor der Beite, Wohl verwundert's den Wardein von Frankreich, Daß der König jelbjt ven Zins geleitet;

Doc, jein Kleid von Scharlach umgemorfen, Gilt er flugs hinab, das Thor zu öffnen.

Sei willkommen, jpriht er, König Noman! Steig’ herab vom Roß und auf die Reife

Laß dir einen Becher Weins gefallen !

Auch ein filbern Wafchgefäß voll Wafjers

Soll man bringen; dein Gewand ift blutig. Doch der König fpricht mit finjtrer Stirne: Laß den Wein, Wardein, und laß das Waſſer!

— 12 —

Trinken und das Blut von meinem Kleide Mill ib waschen, wenn der Zins bezahlt ift! —

Schweigend jchreiten fie empor die Stufen

Nah dem Saal der Burg, die Knechte folgen Keuchend unter dem Gewicht der Steine.

Dort, wie’3 Brauch ift, wägen fie die Säcke, Wägen fie auf erzbeichlag’'ner Wage,

Die herabhängt vom Gewölb der Halle.

Richtig wird der erfte Sad befunden

Rom Wardein und richtig auch der zweite; Doch beim dritten Sade ruft der Franke: Haltet ein! Nicht reiht was ihr gebradt habt! Wieder fehlen fieben Pfund an taufend!

Nuft’3 und beugt fih grollend auf die Wage, Mit ver Fauft ven Sad hinabzuſtoßen.

Doh der König ſpringt herzu, und jaufend Fährt fein Schwert dem Frechen in den Naden, Fährt durch Fleifh und Bein mit ſcharfem Siebe, Daß das Haupt, vom blut’gen Rumpfe fpringend, In die Schale rollt mit dumpfem Klange. „Wohl! Nun ift die Zahl der Pfunde richtig! Bringt fie meinem Better Karl und jagt ihm: Nur noch Kieſel zinſ't ihm der Bretagner!“

Starr noch vor Entjegen ftehn die Franken, Als ver König ſchon zu Roſſe ſitzet;

Lachend fprengt er aus dem Thor der Veſte. Aber draußen ftößt er in fein Hifihorn, Sieb, da bligen Lanzen rings und Schwerter, Schaar an Schaar mit flatternden PBanieren Nah'n die Männer jedes Gau’s, es führt fie Don Arez der achtzigjähr’ge Häuptling.

Bald im Sturm gewinnen fie die Veſte

— 19 —

Und von Schlabt zu Schlacht, von Sieg zu Siege

Folgen jie dem föniglichen Moler.

Alſo ward ver legte Zins an Frankreich Blutig ausgezahlt durh König Noman.

Der Hpielmanıı von SYS.

(Bretoniſch.)

Im Forſt von Lys am tiefen See Erglüht die Mittagsſtunde, Die hundertjährigen Eichen ſtehn Verſchlafen in der Runde.

Kein Lüftchen geht, man hört von fern Den Specht in Waldesmitten,

Da kommt der Spielmann durch den Buſch, Der braune Geſelle geſchritten.

Er trägt ein Wamms von Flicken bunt, Trägt Farr'nkrautblüt' am Hute,

Sein ſchwarzes Auge lacht und bligt, Er jingt mit lachendem Muthe:

„sh bin des grünen Waldes Kind, Die Thierlein kennen mich alle;

Woher ich komme, das weiß der Wind, Der Wind, wohin ich mwalle.

Des Bauern lad’ ich hinterm Pflug, Des Grafen hoch im Saale;

Mein Truchjeß ift der Brombeerftrauc, Mein Schenk der Quell im Thale.

— 14 —

Im Winter fchlaf’ ich bei dem Fuchs, Im Lenz auf jonnigem Rafen,

Und wird die Weile mir lang einmal, So heb' id an zu blajen.“

Er zieht hervor die Pfeif' aus Rohr, Den Klang verfucht er leife; Fremdartig durch die ftille Luft, Verlockend ſchwillt die Weiſe.

Sie jauchzt wie wirbelnder Lerchenſchlag, Sie klagt wie Unkengeſtöhne,

Wie Kinderjubel und Todesqual

Lachen und weinen die Töne.

Und wie er ſanft und ſanfter bläst,

Da regt ſich's in den Büſchen,

Da kommt es geſchlüpft durch's hohe Gras Mit leiſem Rieſeln und Ziſchen;

Jetzt hebt ſich vom Boden ein grünes Haupt Auf grünem gleißenden Rücken,

Zwei Augen glühn wie Edelgeſtein

Und funkeln vor Entzücken.

Das iſt die Schlangenkönigin,

Sie kommt bezaubert vom Schalle, Und hinter der Alten, wie Heeresgefolg, Die Schlangen des Waldes alle.

Sie ſchließen den Kreis gleich wie zum Reih'n, Sie ringeln und züngeln vor Wonne,

Um ihre ſchillernden Leiber ſpielt

Durch's Laub der Strahl der Sonne.

— 15 —

Und fieh, nun jchlüpft um des Spielmanns Hals Die Königin zärtlich und leife,

Gr fennt das Liebfofen der Freundin ſchon

Und bläst die ſchmelzendſte Weije.

Doch als des Schals ihn dünkt genug, Da fest er vom Munde die Pfeife, Die Schlange, wonnegejättigt, löst Langſam die glänzenden Reife.

Sie gleitet hinweg durch's wogende Gras Und ſucht ihr Neft in den Tannen,

Die Schweitern ſchießen ihr rauſchend nad; Der Spielmann wandert von dannen.

Er fingt: „Sch bin des Waldes Kind, Die Thierlein kennen mich alle;

Moher ich fomme, das weiß der Wind, Der Wind, wohin ich mwalle!”

Die Nacht zu Delforefl.

„Sagt’3 dem König, meinem Herrn, Daß der einz’ge Sohn und Erbe Seines mweiland Senejchalls,

Sagt's ihm, daß er ſchuldlos ſterbe!

„Niemals hab’ ih mit dem Feind Ränkevoll Verkehr gepflogen ; Die! dem König hinterbradt, Hier beſchwör' ich's, daß fie logen.

„Doch ich fürcht', er glaubt’ es gern, Denn nah unjern Leh’n und Landen, Nah dem Schloß von Belforeft

Hat ihm längjt ver Sinn gejtanden.”

— 156 —

Alfo Spricht Graf Aimery,

Als er nieverfniet am Blode; Blitzend fährt herab das Beil, Und es ſchallt die Todtenglode.

Doch wer wagt's, des Grafen Wort Vor des Königs Ohr zu tragen!

In den Foriten von Poitou

Schmeift er jhon, ven Hirſch zu jagen.

Dort von edler Spur verlodt Irrt er Nachts im Waldesgrunde; Vor das Schloß von Belforeit Kommt er um die zmwölfte Stunde.

Langſam, wie er ftößt in’3 Horn, Sinft vor ihm die Brüde nieder, Langſam in den Angeln dreht

Sich da3 Thor und jchließt ſich wieder.

Doch fein Diener läßt ſich ſchau'n; Nur des Monds gedämpfter Schimmer Leuctet ihm zum Ahnenfaal

Dur die ausgejtorbnen Zimmer.

Aber dort im GSteinfamin

Gieht er roth ein Feuer bligen, Sieht den todten Seneſchall

An der Glut im Lehnftuhl figen.

Der erhebt fih vor dem Galft,

Und mit halberlofjhnem Klange Spridt er: „Kommt ihr endlich, Sire? Euch erwartet hab’ ich lange.”

— 197 0 —

„Kur um eins Euch fund zu thun, Stieg ich aus der Gruft der Väter, Daß vom Stamm ver Belforeft

Nie gezeugt ward ein Verräther.“ —

ALS der König das vernahm, Warf ihn tiefes Graufen nieder; Sinnberaubt am Morgen fand Sein Gefolg im Saal ihn wieder.

Sieches Leid beſchlich ſeitdem, Tiefer Trübſinn all ſein Weſen; Von der Nacht zu Belforeſt

Iſt er nimmermehr geneſen.

Bokhwell.

Wie bebte Königin Marie,

Als durch's geheime Pförtlein ſpat Mit ungebog'nem Haupt und Knie In ihr Gemach Graf Bothwell trat!

Ihr ſchön Geſicht ward leichenweiß; Sie zuckt' und ſah ihn fragend an: Er wiſchte von der Stirn den Schweiß Und ſagte dumpf: „Es iſt gethan.“

„Es iſt gethan, dein ſüßer Mund War nicht für Buben ſolcher Art, Heut Abend um die achte Stund' Hielt Heinrich Darnley Himmelfahrt.“ —

Sie ſchrie empor: „Verzeih dir Gott!

Nimm all mein Gold, nimm hin und flieh!“ Da lacht' er laut in grimmem Spott;

„Was ſoll mir Gold für Blut, Marie?

— 18 —

Ich liebe dich, und wenn ich mid Der Höll' ergab zu dieſer Frift: Sp mwar’3 um dich, allein um dich, Weil du der fchönfte Teufel bift.

„Die Hand, die einen König fchlug, Greift auch nad) einer Königin.“

Er rief's, und Grau'n in jedem Zug, Starr wie ein Wachsbild ſank fie hin.

Gr hub fie auf; fie fühlt’ es nicht,

Daß ihr in’s Fleiſch fein Stahlhemd ſchnitt; Ihr Iodig Haupthaar wallte dicht

Um feine Schulter, wie er jchritt.

Gr jtieß den Ring an ihre Hand,

Gr ſchwang fie vor fi feit aufs Roß, Und jagt’ in's wetterfchwüle Land Hinaus mit ihr gen Dunbar-Schloß.

Schwarz war die Nacht, als wäre rings Erloſchen jeder Stern des Heil;

Nur mandmal in den Molfen ging's, Gleichwie das Bligen eines Beils.

Aärchen.

Schön Manar trat aus dem wilden Wald, Sie trat in den prächtigſten Garten;

Da blühten die Roſen roth und weiß

Und luſtig ſprangen die Waſſer.

Und über den Roſen und Waſſern ſtieg Ein Schloß mit ſchimmernden Kuppeln, Zwei Flügelpferde ſtanden am Thor Aus grünem Erz gegoſſen.

—

— 19 —

Schön Manar ſchritt in das Schloß hinein, Empor die ſchweigenden Treppen ;

Zwölf Harfen hingen im Pfeilergang,

Die Spinnen woben darüber.

Und als fie trat in den erften Saal, Da ftand eine Tafel gerüjtet

Und funfelnder Wein in lichtem Kryſtall, Doh Niemand Fam, ih zu legen.

Und als fie trat in das zweite Gemach, Da lag auf feivdenen Kifjen

Das ſchönſte Weib in goldnem Gelod, Doch jchlief fie bleiernen Schlummer.

Und als fie trat in den dritten Saal,

Da ſaß bei verhangenen Fenjtern

Im dämmernden Raum auf güldenem Stuhl Sin ſchattenhafter König.

Sein Antlitz war nicht jung noch alt, Sein Haar war unbejchoren;

Auf feinen blafjen Zügen lag

Ein unergründliches Elend.

Schön Manar ſprach voll Mitleid: „Herr, O brüte nit bier jo düſter!

Die Welt ijt draußen voll Sonnenjcein Und voll von Rojen der Garten,

„Das gehſt du nicht, am funfelnden Wein Dein traurige Herz zu erquiden ? Mas weckſt du die jchlafende Jungfrau nicht Mit Küffen zu Luft und Liebe?’

— 0 —

Der König hub zu ihr empor

Die gramerlofchenen Augen;

Er jehüttelte trüb das Haupt, doch kam Kein Wort von feinen Lippen.

Cr ſchlug den Purpurmantel zurüd

Von feiner linken Seite,

Da war fie nicht Fleifeh, da war fie nicht Bein, Da war fie fehwarzer Marmor — —

Aheinfahrk. I.

Nun wird es licht, nun will der Frühling nahn, Durch blaue Lüfte Schifft der wilde Schwan,

Bon Berg zu Bergen webt der Sonnenftrahl, Es jauchzt der Bach und jpringt in's Blütenthal, Die Wolke treibt im Wind, die Seglerin, — Mas wogſt du, Herz! D ſprich, wohin, wohin?

D Herz, du möchtet mit dem Schwane ziehn,

Du möchteſt mit dem Bach zur Tiefe fliehn,

Du möchteſt fahren in die Welt hinein

Mit Märzenwind und Frühlingsfonnenihein — Wohin? Wohin? — D ftill! Was fragit du viel? Du meißt die Richtung und du fennit das Ziel.

In hohen Wafjern braust der grüne Rhein, Die Berge ſchau'n, die Burgen ftill hinein; Durch Felsgeflüft und Reblaub geht vie Bahn; Dort haust die Fey, die dir es angethan. Spann’ aus die Flügel denn! Was zögerjt du? Zur ihr! Zu ihr! Denn dort nur haft du Ruh!

II.

Nun geht’3 auf dampfbeichwingtem Schiffe Zuthal vom Fels ver Loreley:

Beſonnte Weiler, ſchwarze Niffe,

Zerfall'ne Warten fliehn vorbei.

63 grüßen Kirchen, grüßen Schlöſſer, Bezaubernd wechjeln Berg und Thal, Des Stromes dunfelgrün Gewäſſer Wird flutend Gold im Abenpitrahl.

Aus allen Gärten Blütendüfte, Von allen Thürnen Glodenfpiel, In Rofenglut getaucht die Lüfte — O jchöne Fahrt zum fchönften Ziel!

Am Bord die Mufifantenbande

Hebt an ein Lied von Nhein und Wein, Das Echo ruft vom Klippenftrande

Und Schaum und Räder braufen drein.

D Klang und Sang aus heller Kehle, O Frühling, wie beraufcht ihr mich! Ein Jauchzen geht durch meine Seele: Du Schönes Weib, ih grüße dich!

Vibesleben.

Märchen dämmern herauf, Reizende Märchen.

Kennſt du die Sage? Durch's Blau der Mondnacht Geibel, Geſ. Werke. II. 11

— 192 —

Wolkenvorüber

Rauſcht der Greif.

Schwebend trägt er

Die Sultansfinver,

Trägt fie gebettet

Unter den mächtigen Schwingen Ueber das Meer,

Ferne, ferne hinaus

Zu jeligen Inſeln.

Neide, Geliebte,

Neide fie nicht,

Die Sultanskinver! Trägt nit uns beide Auf Hreifenflügeln

Hoch hinauf

Der Geift der Dichtung? Unten verfinfen

In filberner Dämm’rung Land und Meer, Schwinden im Nebel Schranken und Sorgen, Mir aber ruhen

Unter dem weichgefiederten Fittich Sicher gebettet,

Aug’ in Auge,

Arm in Arm,

Einjam jelig.

Märchen leben wir, Reizende Märchen.

— 165 —

Theodor Körner.

Als wider Frankreihs räuberifchen Geier

Das Waidwerk anhub durch die deutfchen Lande, Da ſchoß, die Seelen zu geweihtem Brande Entzündend, Blitz auf Blitz aus deiner Leier.

Zum Schwerte ftürmtejt du in zorn’ger Feier Dein Volk empor aus thatenlofer Schande, Und jelbjt voran im ſchwarzen Jagdgewande Die Eifenbraut erforjt du dir al3 Freier.

So fangjt und rangft du, unſre Noth zu fühnen, Und wardſt in beivem gleich getreu erfunden, Dein Lied befiegelnd durch den Tod der Kühnen.

Drum, wenn mand edler Kranz im Flug der Stunden Dahinwelkt, wird noch friſch der deine grünen, Bethaut mit Opferblut aus heil’gen Wunden.

Doyll.

Hoch auf des Eilands ſchroffem Vorgebürg, Vom himmelblauen Meer umgürtet liegt

Das Kloſter, deſſen offnen Bogengang

Mit weißem Glanz die Morgenſonne füllt. Doch kühl noch iſt's im Garten, wo der Hauch Der See gelind die ſchwarzen Rieſenwipfel Der hundertjährigen Cypreſſen wiegt,

Und friſch vom Thau der Nacht die Roſe blüht. Dort wandelt erſt im dunkeln Ordenskleid

Ein alter Mönch; die tiefgefurchte Stirn,

Der Zug gedämpfter Wehmuth um den Mund Verrathen, daß er einſt die Welt gekannt

— 164 —

Und daß er erft gejcheitert ihr entjagt.

Jetzt übt er treulich jede Fromme Pflicht

Und mallt, ver Roſen und des lichten Meers Kaum achtend bin, vertieft in fein Brevier. Doch als ein ſchöner blauer Schmetterling

Sich ihm aufs Buch fegt, lächelt er und wagt Den leichtbefhwingten Gaft nicht fortzufcheuchen, Und ſchaut dem Zwinkern feiner Flügel zu, Der Zeit gedenkend, da er jelbjt noch froh Geflattert durch des Lebens Sonnenjcein.

Vorüber!

Das Dampfroß ſchnaubt entlang der Halde, Da, plötzlich, öffnet ſich das Thal,

Und ferne dämmert über'm Walde

Ein Schloß empor im Abendſtrahl.

Mit Thurm und Erkern ſeh' ich's ragen, Es naht, es grüßt, es flieht vorbei; — Mir aber träumt von alten Tagen,

Von einem ſchönen Monat Mat.

Wie flog zu jenen grünen Schatten

Beim Frühroth einjt mein leichter Schritt!

In Blumen ftanden Forit und Matten

Und meine Seele blühte mit.

Des Liedes tiefen Drang im Bujen,

Verſchwärmt' ich jung und jorgenfret

Den goldnen Tag dort mit den Muſen —

Es war im fhönen Monat Mai. |

Doh wenn der Mond um Buſch und Gipfel Sein traumhaft Silberliht ergoß, Beraufhend durch die Naht der Wipfel

Der Nachtigallen Stimme floß,

— 195 —

Dann harrt' ich, daß fie mir erjchiene, Sie, meines Waldes jchlanfe Fey, Die lockendunkle Melufine —

63 war im ſchönen Monat Mai.

Und jeßt, entgegen meinem Gruße,

Als ging der Mond noch einmal auf, Unbörbar, mit bejchwingtem Fuße

Den Baumgang jchwebte fie herauf.

Mir ſchoß das Blut in Stirn und Wangen, Der Lipp' entfuhr ein Freudenfcrei;

Mit Armen durft’ ich fie umfangen —

63 war im ſchönen Monat Mai.

Ihr Sterne, die mit klarem Funfeln

Ihr in dieß Thal hernievderfcheint,

Ihr wißt allein, wie wir im Dunteln Geküßt, gejubelt und gemeint!

Ahr wißt's, wie wir jo jelig waren,

Sp jelig und jo rein dabei,

Rein, wie man’3 ift mit achtzehn Jahren — 63 war im jhönen Monat Mai.

D, dent ih dran, fo fliegt der Schauer Noch heut mir durch die müde Bruft; Erquidend fließt in meine Trauer

Gin Sonnenblid vergeßner Luft.

Mag nimmermehr dieß Herz genejen, Sind Glanz und Frühling längjt vorbei: Glückſelig bin auch ich geweſen;

63 war im ſchönen Monat Mai.

— 16 —

Sifella.

Du biſt nit ſchön, noch rein von Feble; Dod ob die Welt auch hart gefinnt Did unter die Verlornen zähle:

Du rührſt das Herz mir, armes Kind,

Denn mitten unter Schein und Lüge, Verdeckt von leichter Schlade nur, Erfenn’ ih noch an dir die Züge Der gottbegnadeten Natur.

Schien je ein hold Gefäß erforen

Zum Dienjt der Kunſt, die du ermäblt, Sp warejt du's, der angeboren,

Was hundert Vielbekränzten fehlt:

Der ſtumme Zauber der Geberve,

Die Stimme, welche Thränen jpricht, Für alles Glüd und Web der Erde Der Schrei, der aus dem Herzen bridt.

Doch weit iſt's von der Kraft zum Siege, Wenn ihr das Glüd die Hand nicht bot; Wohl jtand die Muſ' an deiner Wiege, Doch bei der Muſe ftand die Noth.

Und was als lichtes Angebinvde

Die Eine dir bejcheert der Fey'n, Die andre hüllt' es, ach, dem Kinde In Duft und Spinnweb troftlos ein.

Kein Sternbild ſahſt du leitend funfeln, Kein Führer ging dir treu voran;

Du tajteteft allein im Dunkeln

Di fort auf ungemifjer Bahn.

— 17 —

Sung, rathlos, ohne Schuß und Pflege, Vom eignen heißen Blut verwirrt —

Mer hebt den Stein auf, wenn vom Wege Sich ahnungslos dein Fuß verirrt!

Gmporgeblüht auf fonn’gen Matten Wärſt du vielleiht der Stolz der Flur, Nun bradteft du's, verblaßt im Schatten, Zu einer fargen Blüte nur.

Die Perle, die, vom Staub gereinigt, Für feine Krone zu gering,

Verloren unter Sand und Steinicht Bertrat fie wer vorüberging.

Und doch, um die zerfprungnen Stücke Spielt no ein Glanz jo ächter Art, Daß ih die Thräne nicht zervrüde Um das, was hier verloren ward.

Ach, faſt bedünkt's mich jebt ein Segen, Daß du dahingehjt leichtgeherzt,

Kaum ahnend, was in dir gelegen Und melde Zukunft du verfcherzt.

Tempora mutantur.

Die Stätten meiner Jugend ſah ich wieder,

Doch zeigen fie mir faſt ein fremd Gelicht;

Rings wuchſen Giebel, fanfen Wipfel nieder

Und jelbjt das Flußbett ift das alte nicht;

Ya, Freund, ven Hauch, der unterm Schlag der Gloden

Die Welt durchſchauert, ſpür' ich doppelt bier;

Gr blies nicht bloß das Braun aus unfern Loden, Berwandelt ward die Zeit und wir mit ihr.

— 18 —

Mie lag im goldnen Märchenduft die Ferne,

Da uns nob eng der Heimat Bann umgab!

Vom erjten Berg ſchon ſah'n wir andre Sterne

Und Zaubergerte jhien der Wanderftab.

Sehnſüchtig wuchs das Herz, wenn jeine Weijen

Das Poſthorn fang im nächt'gen Waldrevier —

Sept pfeift der Dampf und läßt im Sturm uns reifen; Nerwandelt ward die Zeit und wir mit ihr.

Von Ort zu Ort die traute Liebesfunde,

Die Grüße, die der Freund dem Freunde rief,

Wie bang erharrten wir fie Stund’ um Stunde,

Und zum Greigniß ward der jpäte Brief.

Verhallend jelbit, als Echo nur, empfingen

Der Weltgefhichte Donnerbotichaft wir —

Jetzt trägt der Blis das Wort auf Feuerſchwingen, Perwandelt ward die Zeit und wir mit ihr.

Vom Zauberduft der blauen Blume trunfen

Des Herzens Näthjeln jann der Dichter nad);

Er klagt' um Sonnen, die hinabgejunfen,

Und rief ver Vorwelt mächt'ge Schatten wach.

Der Freiheit Mufe fhlih nur auf ven Zehen

Bei Nacht zu ihm, als wär's Verbrechen ſchier —

Heut läßt fie auf dem Markt ihr Banner wehen, Verwandelt ward die Zeit und wir mit ihr.

Gruß euch, ihr Münſter mit ven hohen Schiffen, Gebraus der Orgel, dunkles Chorgeftühl, Wo ein Geheimnik, ewig unbegriffen, Uns Wahrheit ward durch unjer wahr Gefühl! Auf feinen Flügeln jedes Zweifels Schrante Hoch überfliegend, fampflos glaubten wir — Sept heifeht fein Recht am Glauben der Gedanke; Verwandelt ward die Zeit und wir mit ihr.

— 169 —

Wohl trugen wir das Vaterland im Herzen,

Doch liebten wir wie Knaben, ſtumm und zart;

Zum Freund nur ſprach der Freund von ſeinen Schmerzen

Und von dem Kaiſer mit dem Flammenbart.

Das Wort vom Reich, ob niemals ganz verklungen,

Doch ſcheu nur ward's geflüſtert dort und hier —

Heut rauſcht es fort im Volk von tauſend Zungen, Verwandelt ward die Zeit und wir mit ihr.

Ya, vorwärts geht's, des Webſtuhls Spulen jaufen, Die Welt ward meiter, freier Blid und Sinn; Doch mie des Lebens Ströme jchwellend braufen, Wuchs nah Genuß die Gier und nach Gewinn. Da fingt bei Nacht wohl, eh’ die Sterne jchwinden, Vom engen Sugendglüd die Sehnfuht mir — Doh komm nur Tag! Du follit mich wader finden! Verwandelt ward die Zeit und wir mit ihr.

Deihnadt.

Wie bewegt mi wunderjam Euer Hall, ihr Weihnachtsglocken, Die ihr kündet mit Frohlocken, Daß zur Welt die Gnade Fam.

Ueberm Haufe jhien der Stern Und in Lilien ftand die Krippe, Wo der Engel reine Lippe Holiannah ſang dem Herrn.

Herz, und was geſchah wordem, Dir zum Heil erneut fih’S heute: Dies gedämpfte Feitgeläute

Ruft auch dich nach Bethlehem.

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— 10 — —

Mit den Hirten darfſt du ziehn, Mit den Königen aus Oſten

Und in ihrer Schaar getroſten Muths vor deinem Heiland knie'n.

Haſt du Gold nicht und Rubin, Weihrauch nicht und Myrrhenblüte: Schütt' aus innerſtem Gemüte Deine Sehnſucht vor ihm hin!

Sieh, die Händchen zart und lind Stredt er aus, zum Born der Gnaden Die da Kinder find zu laden,

Komm! Und fei au du ein Kind!

Dhr Klugen Dungfrau’n.

Ihr Eugen Jungfrau'n In eurer Kammer, O ſchlummert nimmer, Rüſtet die Lampen!

Längſt ſchwand in der Ferne Des Abendroths Pracht; Schon künden die Sterne Die Mitte der Nacht.

Seid munter und wacht! Mie lang’ wird es währen, Sp nahet ver Bräutigam, Der König der Ehren. Drum ſchlummert nimmer, Rüſtet die Lampen!

— 111 —

Nun ſalbt euh mit Düften! Legt an das Gejchmeid! Umgürtet die Hüften

Mit purpurnem Kleid!

Der Herr ift nicht meit. Auf gülonen Gejhirren Bald gilt's ihm zu zünden Weihrauch und Myrrhen. Drum ſchlummert nimmer, Rüſtet die Lampen!

Durch Wälder und Wogen Durch's finſtere Land, Still kommt er gezogen, Die Kron' in der Hand. Sein Herz iſt entbrannt Von himmliſcher Minne; Doch forſchend verzieht er, Zu prüfen die Sinne. Drum ſchlummert nimmer, Rüſtet die Lampen!

Weh denen, die liegen, Vom Schlaf unterjocht, Wenn endlich, die Stiegen Beſchreitend, er pocht. Verlöſcht iſt ihr Docht. Verſtoßen vom Funkeln Des Feſtes dann gehn ſie Und meinen im Dunkeln. Drum jhlummert nimmer, Rüſtet die Lampen!

Doch die da fih ſchmückten Und warteten jein,

Er führt die Entzüdten Zur Herrlichkeit ein. Holvfeliger Schein

Iſt drinnen ergoflen,

Wo hoch um das Lager Die Lilien ſproſſen.

Drum ſchlummert nimmer! Nüftet die Lampen!

Erinnerungen aus Griechenland.

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%

Zu dem fhönen Griechenvolfe Ueber’3 blaue Mittelmeer

Shift in dichter Schwalbenwolke Monnevoll der März daher.

Am Hymettus blühn die Wiejen, Und ein warmer Strahlenguß Röthet deine Säulenriejen, Supiter Olympius!

Und wo bligend am Geſtade Der Iliß worüberihmillt,

Stehn in Veilchen alle Pfade, Grünt der Lorbeer im Gefild.

Herz, wie badeſt du im frijchen Blütenduft der ſel'gen Flur!

Sprich, o ſprich, was ſoll dazmwijchen Dieſer Laut der Sehnſucht nur?

Ach, dich mahnt's in ſüßem Grauſen, Wie durch's ſchnee'ge Waldgebiet Deiner Heimath jetzt mit Brauſen Erſte Frühlingsahnung zieht.

— 1714 —

In diefen Säulengängen, Wo um vermorfeht Geftein Sich taufend Blüten drängen, Wie träum’ ich gern allein!

Mit räthſelhaften Schauern Beklemmen bier die Bruft Erinnrungsvolles Trauern Und reichſte Jugendluſt.

Wohl klagt das Herz bekümmert Um dieſe ſchöne Welt,

Die rettungslos zertrümmert Gemach in Staub zerfällt;

Doch ſpür' ich, von den Düften Des jungen Tags umglüht, Daß auch auf Göttergrüften Der Frühling wieder blüht.

Granaten bringt und Reben Verſöhnend jedes Jahr, Und ſüß iſt heut das Leben, So wie's den Alten war.

Ach, wäre jener Sonnen Erlauchtes Roſenlicht

Nicht auch in Nacht zerronnen, So liebt' ich heute nicht.

— *

A

II.

Wo des Delmalds Schatten dämmern, Raſt' ich matt vom Sonnenſchein; Fern am Berg bei ihren Lämmern Lagern Hirten und ſchalmei'n.

Müd' eintönig ſchwimmt die Weije Durch den Mittagspuft heran, Und mir träumt, es jei das leije Flötenfpiel des großen Pan.

IV.

Reifen Schritts durchwallt der Mittag Des Hymettus Marmorflüfte ;

Auf den wildzerriſſ'nen Kuppen Liegend brennend blau die Lüfte,

Meit und breit im Feljenkefjel Brütet märchenhaft Verftummen ; Nur, daß in den Thymusbüjhen Taujend Bienen ſchwärmend fummen.

Zautlos durch's Geröll am Abhang Klettern kurzbevließte Schafe; Unter'm wilden Zorbeerbaume Liegt der Hirtenbub’ im Schlafe;

Ihm zur Seite Stab und Tajche Und die rohrgejchnigte Flöte; Durch die mandelbraunen Wangen Schimmert ſacht des Blutes Röthe.

— ——

Schöner Knab', an deinen Zügen Weiß ich kaum mich ſatt zu ſchauen. Um den Mund welch ſtiller Zauber! Welche Hoheit auf den Brauen!

Traun, im alten Land der Götter Biſt du ſelbſt von Götterſtamme, In ein irdiſch Weib verkleidet Säugt' Erato dich als Amme.

Was du träumſt ſind eitel Lieder, Und es tragen von den Klippen Dir die Bienen, wie dem Pindar, Honig auf die jungen Lippen.

V. Hoh mit Drangen beladen Miegt fih das jhaufelnde Boot Bon Poros Felsgeitaden Hinaus in's Abendroth.

Die Jungfrau ſitzt am Steuer Und nimmt des Segels wahr; Des Tages letztes Feuer

Umſäumt mit Gold ihr Haar.

Berauſcht von Glanz und Düften, Das Herz in tiefer Ruh,

Bedünkt mich faſt, wir ſchifften Den ſel'gen Inſeln zu.

VI.

Im Schatten der Platane Hält von der Reiſe Laſt Die kleine Karavane

Zu Nacht um's Feuer Raſt.

Zum Pfühle dient der Raſen, Zur Seite blitzt die Wehr; Die müden Roſſe graſen Entſattelt um uns her.

Schlaf liegt auf allen Wimpern; Nur unſer Wächter dort Scheucht mit Guitarrenklimpern Den Druck vom Auge fort.

Ich ſeh' noch, wie die Flamme In Aſchen roth verglimmt,

Und hinter'm Bergeskamme Empor der Halbmond ſchwimmt.

Dann, wie durch's Laub der Bäume

Der Nachtwind ſchauernd rinnt, Hüll' ich mich ein, und träume Von dir, mein deutſches Kind.

VII.

Niemals werd' ich dich vergeſſen, Wie ich einſt im Kranz dich ſah, Deiner Palmen und Cypreſſen, Reizendes Parichia!

Geibel, Geſ. Werke. III.

12

— 18 —

Aus dem Meer auf Felsterrafjen Steigft du fanft und dichter Wein Hüllt die fäulenreihen Gaſſen Dir in grüne Schleier ein.

Brunnen raufben, Vögel rufen, Roſen glühn im Laubgeflecht, Und hinauf, hinab die Stufen Wallt ein göttergleih Gejchlect:

Blonde Knaben, deren Brauen Träumerifcher Ernſt ummebt, Schlanke marmorjhöne Frauen Deren Schritt wie Reigen jchmwebt.

Ob die Fabelwelt der Dichter Längſt zerronnen: hoch und rein Spielt um diefe Angefichter Noch von ihr ein Widerſchein;

Und in fremder Märchenhülle, Menn jie dir vorübergehn, Glaubſt du Phöbus Lodenfülle, Aphroditens Reiz zu jehn.

Wahrlid, aus dem Weltgetriebe Flücht' in dieſe jtille Bucht

Mer die Sehnjucht, wer die Liebe, Mer der Schönheit Urbilo jucht!

VIH.

Wie mwebt jo ftill der Sonnenſchein Im Säulenhof! Die Fächer

Der hoben Palmen ſchau'n herein Ueber die flachen Dächer.

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Ein wilder Roſenbuſch umzmweigt Das Bogenthor der Halle;

Sm Borphyrbeden wallt und jteigt Der Born mit leifem Schalle.

Dort Shlürft, im Haar das rothe Feß, Den Arm im golonen Reife,

Das ſchönſte Kind von Melanes

Den Rauch der Waflerpfeife.

Sie ſchaut behaglih himmelan,

Sie fräufelt leichte Ringe,

Und denkt dabei — man Jieht’3 ihr an — An lauter füße Dinge:

An ihren Schab, der nah Corfu Gejhifft zum Weinverhandeln, An ihren bunten Kakadu,

An Fruchtkonfekt und Mandeln;

Und an den Halsihmud von Opal, Den morgen in Naria

Sie tragen foll zum erjtenmal

Am Felt ver PBanagia.

IX. D Sieh, wie hinterm Waldgebirge jacht Ein ſel'ger Schein emporquillt in die Nacht! Dort, in der Pinienwipfel Finfterniß, Den flüht'gen Wagen hemmt jet Artemis, Und fteigt in Glanz gehült am Felfenhang Zum Jüngling nieder, der ihr Herz bezwang.

— 190 —

Er ſchlummert ahnungslos; jie weckt ihn nicht, Sp lieblich glüht vom Traum fein Angeſicht; Verſunken läßt fie in entzüdtes Schau’n

Auf Wang’ und Stirn ihm leife Küfje thau'n. — Wohl harren Erd’ und Himmel unerhellt,

Doch wer vergift nicht, wenn er liebt, die Welt!

Da fchnauben fühl vom Thau die Zelter jchon, Sie reift fih los: „Fahrwohl Endymion!“ Ein einz’ger Kuß noch, und mit fihrer Hand Die Zügel faßt fie, halb zurückgewandt,

Und fanft vom Hang fich löfend, über'm Tann In's Blaue, zaudernd, ſchwebt ihr Lichtgefpann.

x: Wenn auf fonnverbrannten Matten Die Cicade ſchrillt von fern, Raſt' ich in des Lorbeer Schatten Bei den alten Dichtern gern.

Sanft wie voller Segel Schwellen Trägt Homers geflügelt Wort

Mich durch Sturmgefahr und Wellen, Volksgewühl und Schlachten fort.

In Olympia's jtaub’ge Bahnen Reißt mih Pindars Giegeschor, Und des Neihylus Titanen

Steigen troß’gen Blick's empor.

Doch von allen, die ich mähle, Schmwichtigt mit erhabner Ruh Keiner mir jo ganz die Seele, Hoher Sophofles, wie du.

— 1831 —

Von erliegender Herven Unverjtand’nem Rieſenleid Führteft du dein Volk zum hohen Urbild Schöner Menjchlichkeit;

Riefeſt aus dem Schoof der Nächte, Die von Mitleid nie gewußt, Shren Theil der Schidjalsmächte In die freigewordne Bruft;

Daß, was aus des Herzens Falten Räthſelvoll gezeitigt ſproß,

Mit der Götter hehrem Walten Sich zum goldnen Ring beſchloß.

Alſo zwiſchen ſtarrer Sitte, Zwiſchen frecher Neu'rung Wahn Wallteſt du in ſchöner Mitte Hoch und heiter deine Bahn;

Klärteſt mit dem Hauch der Muſen Fromm der Leidenſchaften Glut, Und ein heilig Maß im Buſen Prieſeſt du als höchſtes Gut.

Sel'ger, dem ſein Wort zu lohnen Das entzückte Griechenland

Seine reichſten Lorbeerkronen

Um die Vrieſterſchläfe wand;

Der noch heut, vom wandelbaren Strom der Zeitflut unverſehrt,

Heut nach zweimal tauſend Jahren Schönheit uns und Weisheit lehrt!

— 12 — XI. Zwei Schweitern ſah ich heut geſchmückt, Die zum Altare gingen,

Da bört’ ih am Granatenbaum Die jpröde Dritte fingen.

Sie fang: geplündert jteht der Baum, Die Aepfel find gefallen,

Doh blieb am Alt, am höchſten Aft Der ſüßeſte von allen.

Mer pflüden ging vergaß ihn wohl, Den Apfel ohne gleichen;

Wer pflüden ging vergaß ihn nidt, Er konnt' ihn nicht erreichen.

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Diefer Gartenfaal, in dem

Ich den Herbſt verſchwärmt jo felig, Zeigt fih weniger bequem,

Nun es Winter wird allmäbhlid.

Kein Kamin! Und durch's Gefach Zieht's und durch den Riß der Scheiben. Und von oben durch das Dach

Regnet's mir auf's Blatt im Schreiben,

Schirmbewehrt und fröjtelnd tritt Ein der Freund; wir wollten leſen; Plato’s Gajtmahl bringt er mit — Uber dort ijt’3 warm gemejen.

— 138 —

Liebjter Menſch! Mir jteht ver Wunſch Heut nad feinem Philoſophen — Nein, ich jehne mih nah Punſch

Und nad einem deutſchen Ofen.

XI.

Meil man in der NRegenflut Draußen jchier ertränfe, Sammeln wir uns wohlgemuth Abends in der Schenfe.

Lodernd prafieln im Kamin

Dürre Lorbeeräfte,

Und der Wein von Santorin Märmt das Herz der Gäfte.

Sreunde fommt und plaudern mir! Gleih Homeros Helden,

Abenteuer habt auch ihr

Mancher Fahrt zu melden.

Gebt Bericht, wo fih im Meer Euer Segel bläbte,

Melch Gebiet ihr faht umber, Welcher Menſchen Städte;

Wie ihr aus Cyclopenhand Nur mit Noth euch löſ'tet, Wie euch im Phäakenland Schöne Frau'n getröſtet.

Manchen hielt vielleicht ſogar, Dank dem raſchen Gotte! Ein entfeſſelt Lockenhaar

In Kalypſo's Grotte;

— 14 —

Ah, und das erfuhrt ihr aud, Mas es heißt, mit Thränen Nah der Heimat fernem Rauch, Wie Ulyß, ſich jehnen.

XIV. Nun auf tagelangen Regen Endlich jih die Luft erhellt, Mie begrüßt auf allen Wegen Holvverwandelt mi die Welt!

Sanft von zitternd grünem Schimmer Liegt die Thalflur überhaudt, Mährend Silberduft noch immer Don dem Schnee der Berge raudt.

Schüdtern laufht vom Hügelfaume, Golonen Blids, der Krofus vor, Und am milden Mandelbaume Bebt durchſicht'ger Blütenflor.

Ah, und über Wald und Wieje Dieſes bräutlich zarte Licht,

Das wie Glanz vom Paradiefe Durch geflodte Wölkchen bricht !

Wahrlich, ſehnt' ih mich noch eben Nah dem nord’ihen Herd zurüd:

Heut’ empfind’ ich hier das Leben

Wie ein mühlos heitres Glüd.

Leicht, als ob fie Flügel trügen, Wiegt fih meine Seele nur Auf den leifen Athemzügen Diejer findlihen Natur;

— 18

Und e3 fehlt mir nur das Eine, Daß ich folhen Wonnetag

Nicht verklärt im Widerfcheine Deines Auges fehauen mag.

IV:

Beim Mondesuntergange

Erglänzt wie Gold das Meer, Schwarz blidt mit fchroffem Hange Leukadia's Felfen her.

Da taucht mir tief im Sinne Gleihwie aus Dämmerflor Bon Sappho’3 wilder Minne Die alte Mähr’ empor.

Dem Bolfe der Hellenen Sang jie zum erftenmal Die eiferfücht’gen Thränen Berlorner Liebesqual.

Noch leben jene Gluten, Die tönend fie durchwühlt, Bis ſie in dieſen Fluten Ihr brennend Herz gekühlt.

Und oft bei Nacht dort oben, Wenn hoch die Wolken gehn, Das Haupt vom Kranz umwoben Sieht ſie der Schiffer ſtehn.

Geſpenſtiſch weht ihr Schleier, Und über'm Wogendrang Im Winde ſchwebt zur Leier Sehnſüchtig ihr Geſang:

— 186 —

„Schon ſenkt der Mond ſich trübe, Die Mitternacht bricht ein;

Mein Herz vergeht vor Liebe

Und weh, ich bin allein!“

xVl.

Vor Kephiſſia's Nympbhengrotte Am ummölbten Wajjerfall

Preis dem jhönen Frühlingsgotte Singt im Bush die Nachtigall.

Ihre goldnen Weifen dringen Durch's Geflüft hinab, hinauf; Sieh und am Granatbaum jpringen, Am Jasmin die Blüten auf. '

Auf der Flut, durch Pinienwipfel Zitternd, jpielt der Sonnenſchein, Und Penteli's Marmorgipfel . Schaut von oben ftill herein.

Schöner Tag, wie von den Mufen Selbjt zu ihrem Dienft geweiht! Doch es feffelt mir den Bufen Süße Frühlingsmüpdigfeit.

Schauen fann ih nur und laufchen In entzüdtem Müßiggang

Auf des Felfenbornes Rauſchen, Auf der Nachtigall Gejang;

Und dazwiſchen holder Mythen

Denk' ich, wie beim Monvdenglanz Hier am Quell, zur Zeit der Blüten, Hingefhwebt der Nymphen Tanz.

— 197 —

XVN.

Heute wär’ ich fait erichroden Dir zu Füßen bingeftürzt,

Als du plöglich deiner Locken Wilden Reichthum losgeſchürzt.

Glänzend um die ſchlanken Glieder Wallt' ihr feſſelloſer Schwall

Auf des Teppichs Purpur nieder Wie ein ſchwarzer Waſſerfall.

Ach, und als du nun die braunen Räthſelaugen aufwärts ſchlugſt Und in reizendem Erſtaunen, Was mich ſo verwirre, frugſt,

Als du dann zum Spiegel hüpfteſt Und die Schnur von Perlen dir Tändelnd um die Stirne knüpfteſt — O wie ſchön erſchienſt du mir!

Lauſchend, keines Wortes mächtig Stand ich, athemlos gebannt, Wie verzaubert in ein prächtig Märchen aus dem Morgenland.

XVIII.

Drei Palmen über'm Bronnen, Ein braun Gefild umher,

Und fern im Glanz der Sonnen Geklüft und blaues Meer.

— 18 —

Rings weidet um die Palmen Die Heerde weiß und bunt, Und juht nad jaft’gen Halmen Am halbverſengten Grund.

Daneben lehnt im weiten Dichtwoll'gen Widdervließ, Ein Bild uralter Zeiten,

Der Hirt am Schäferſpieß.

Scharf blickt er in die Runde Und pfeift dazwiſchen hell Dem zottig gelben Hunde, Der ſeiner Wacht Geſell.

Der Mann, der Hund, die Ziegen, Palmbäume, Fels und See — Mir iſt, als ſäh' ich liegen

Ein Stück der Odyſſee.

Sah'n Himmel gleich und Erde Ihr alt Geſetz vergehn,

Der Hirt mit ſeiner Heerde Blieb unverwandelt ſtehn.

XIX. Die Nacht war träumerifh, wir zogen Hinab des Barnes dunkle Schlucht, Da grüßt uns plöglicd weit im Bogen Eleufis mondbeglänzte Bucht.

Wir jah’n Kithärons Gipfel winfen,

Und unjrer Rofje Huf betrat,

Die Bergwand rechts, das Meer zur Linken, Des heil’gen Wegs uralten Pfad.

— 19 —

Hier floß, die Feier zu bereiten, Das Haupt befränzt mit Asphodil, Dereinjt der Feltzug der Geweihten Bei Fadelglanz und Flötenjpiel.

Fromm zu Demeters Heiligthume

Den Strand bin mwallten fie vie Bahn, Des Nebenbluts, der Waizenkrume Tiefveutig Sinnbild zu empfahn.

„Sn Flammen mwird das Korn zum Brode, Die Traube gährt zermalmt zum Wein, Des Lebens Blüte reift im Tode.”

So Elang das Chorlied durch die Reih'n.

So klang's und taufend Herzen jchmwollen, Vom Graus der Schattenwelt befreit, Getröitet von dem räthjelvollen

Gedanken der Unfterblichleit. — —

Da plögli hielten unjre Pferde

Eleuſis war erreiht; e3 bot

Der Gajtfreund ung den Wla am Herde, Und bradt’ uns dienend — Wein und Brod.

XX.

Auf Chäronea's Haide

Im alten Schlachtgefild Liegt wie verſteint im Leide Ein marmorn Löwenbild.

Es mahnt, daß kühngemuthet, Wo jetzt die Diſteln wehn, Im Kampf dereinſt verblutet Die Jugend von Athen.

— 100 —

O Hellas, welche Lippe

Sagt, was dein Herz erlitt, Als hier des Fremdlings Hippe Der Freiheit Lilien ſchnitt!

Was half dir da der Muſen Verhängnißvolle Gunſt, Im götterreichen Buſen Das heit're Licht der Kunſt?

Der Tiefſinn deiner Weiſen, Der Sänger Lorbeerzier, An jenem Tag von Eiſen, Was frommt' es alles dir?

Ach, krank im Kern des Lebens Von eiferſücht'ger Glut, Verſtrömteſt du vergebens

Dein letztes Heldenblut.

Weil du gelöſ't mit Pochen

Des Pfeilbunds ſtark Geflecht, Sank, Schaft für Schaft zerbrochen, Dahin dein ganz Geſchlecht.

Mit eh'rnem Schluß die Zügel Ergriff Barbarenhand —

O ſchau in dieſen Spiegel, Schau her, mein Vaterland!

Sollt’ ein ſchönes Glück mich kränken, Meil es allzurafch entjloh?

Kurz Begegnen, lang Gedenken Macht die Seele reih und froh.

2.

Menn du des Dafeins Kranz zu erwerben, Menn du dich jelbit zu wollenden begehrit, Leb', als müßteſt du morgen jterben, Streb’, als ob du unjterblich mwärft.

3.

Thu’ du redlich nur das Deine, Thu's in Schweigen und Bertrau’n; Nüfte Balken, haue Steine!

Gott, der Herr, wird bau’n.

De

Nur das mag wie mit feſtem Erz

In Freundſchaft zwei Genofjen binden, Wenn Geift und Geift fih, Herz und Herz In einem höhern Dritten finden.

5.

Lorbeer ift ein bittres Blatt, Dem, der's ſucht, und dem, der's hat.

6.

Willſt du Großes, laß das Hagen, Thu’ nach fühner Schwimmer Braud! Rüftig gilt's die Flut zu fchlagen, Doch es trägt die Flut dich auch.

Ein Segen ruht im ſchweren Werke;

Dir wächst, wie du's vollbringſt, die Stärke; Beſcheiden zweifelnd fingſt du's an,

Und ſtehſt am Ziel, ein ganzer Mann.

8.

Nur zu oft vom Born entfernt Trübt die Welle ſich, die klare; Heil, wem das Unmittelbare

Blieb, als er die Kunſt gelernt!

— 19 —

Das Mannicfaltige

Läßt ſich erlernen;

Das Urgemaltige

Kommt von den Sternen.

10.

Begeiftrung ift aus Gott ein Funken Gie ruht gleih ihm voll Schöpferluft Ganz in's geliebte Werk verfunfen,

Und ſchwebt doch drüber klarbewußt.

ji 11.

Wenn Schuld und Kummer dich bevrängen, Die Beicht’ erleichtert dir das Herz;

Der Dichter beichtet in Gejängen

Sid rein von Leidenschaft und Schmerz.

12. x

Werden dir des Geijtes Schwingen | Matt im Flug, jo laß fie ruh'n! Schönes läßt fi nicht erzwingen, | Gutes kannſt du heut au thun. —

Geibel, Gej. Werfe. II. 13

— 14 —

13. Mas mich ſüßer fait wie du, Lenz, erquidt und tränft? Sonnenflare Herbitesrub, Melde dein gedenkt.

14, Das hat der Alte voraus vor dem Jungen, Daß er im Heut zugleich das Gejtern lebt. Und daß ein Feitfranz von Erinnerungen Sih ihm um jede gute Stunde mwebt,

15; Ahnung fieht vom fernen Gipfel Dft das Künft’ge ſcharf und Klar; Näher deden Buſch und Wipfel Was von weitem deutlih war.

16. Mit Koffern, Schachteln, Reifejäden Dein Glüd zu juchen ziehſt vu aus? Freund, nimm ven leichten Wanderjteden, Du bringit es wahrlid eh'r nah Haus.

17. Mas ih wünſchte vor manchem Jahr, Hat das Leben mir nicht bejcheert, Aber e3 hat mich dafür gelehrt, Daß mein Wunjdh ein thörichter war.

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18. Zweifelhaften Talenten helfen, Mie oft im Zorn verfchmwur ich’S ſchon! Doch fam dann eins nur dur von zwölfen, Sp trug's für alle Frucht und Lohn.

19. So Lob als Tadel unverdroffen Laß, Künftler, über dich ergehn ! Du weißt, der Schaum ift bald zerflofjen, Doch was du tüchtig fchufft, bleibt jtehn.

20. Der Maulwurf hört in feinem Loc Ein Lerchenliev erklingen, Und jpricht: wie finnlos ift es doc, Zu fliegen und zu fingen!

21. Mas du nicht magft geijtig faſſen, Sollft vu ungefungen lafjen; Körperfchmerz und Sinnenbrunft Liegen außer'm Reich der Kunſt.

22. Nimmer wirft du Unfterbliches ſchaffen, Nun vom Kampfe die Welt erbraust, Wenn du nicht über vem Lärm der Waffen Schon den Bogen des Friedens ſchauſt.

— 1% —

23. Mas ver Wiffenihaft gefällt, Wird darum der Kunjt nicht taugen; Beide jehau’n dieſelbe Welt, Doch mit ganz verfchieonen Augen.

24. Willſt du fingen, jo ſchlage die Leyer, Aber philoſophire nicht, Oder es geht mit deinem Gedicht, Wie mit Penelope's Schleier.

25 Das Laub vom dunfelgrünen Straud, Wie ſchmucklos däucht es allen! Aber ſtünd' es im Kranz nicht auch, Wem würde der Kranz gefallen?

26. Als jung und ſtark wir waren, Da hatten wir nichts erfahren; Als wir ein Willen gewonnen, War unfre bejte Kraft zerronnen.

27. In Erinn’rung nur zu jchmweben Wie im Wind ein mwelfes Blatt Hüte dich! Nur das heißt Leben, Wenn dein Heut ein Morgen bat.

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28.

Das füllt mit Jubel, füllt mit Klage

Die Blätter der Geſchichte Jahr um Jahr: Die Menſchheit jchreitet fort mit jedem Tage, Der Menſch bleibt ewig ver er war.

29.

So ift es, war's und wird es fein: Gebt Freiheit! rufen die PBartei’n,

Mit was für Farben fie fih ſchmücken; Das heißt: Gebt uns das Reich allein, Daß mir die Andern unterdrüden !

Sp ilt es, war’3 und wird es fein.

30.

Leere Drohung, übler Braud,

Wird des Feindes Hohn nur fhärfen; Kannſt du feine Bliße werfen, Freund, jo laß das Donnern aud.

31.

Läßt fich nicht vermeiden der Strauß, Sp fafje fühn das Schwert am Hefte. Im Angriff wachſen dir die Kräfte, Dem feigen Zaubrer gehn fie aus.

32, Autorität herrſcht